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Erstes Kapitel des neuen Romans

Verona ist erst der Anfang

 

Irgendwie hatte ich mir diesen Ort schon ein wenig anders vorgestellt, romantischer vermutlich und nicht so Touristen-Überladen. Auf dem berühmten Balkon von Julia Capulet aus William Shakespeares „Romeo und Julia“ tummelten und quetschten sich die Frauen aus aller Welt und winkten ihren Liebsten zu, die das ganze Schauspiel mit einer Kamera oder dem Handy festhielten. Wohin man auch blickte, überall standen Menschen. Sie kritzelten etwas auf kleine Notizzettel, die sie anschließend an die, schon längst überfüllten, Steinmauern klebten oder schrieben ganze Briefe, die sie dann in den dafür vorgesehenen Postkasten warfen. Im Anschluss verschwanden dann die meisten der Touristen in den anliegenden Souvenirshops, in denen sie sich schnell noch irgendwelche Accessoires kauften, um belegen zu können, dass sie auch tatsächlich an diesem historischen Ort gewesen waren.

 

 

 

Doch ich  stand einfach bloß da, schaute mir das Spektakel an und konnte diesen Platz der Liebenden gerade nur mit relativ nüchternen, statt mit glänzenden Augen betrachten, was wohl daran lag, dass ich ohne meinen „Liebsten“ hier war. Der hatte nämlich zwei Tage vor dieser Reise, die wir von meinen Eltern zur Verlobung geschenkt bekommen hatten, still und heimlich das Weite gesucht und mich ohne jede Vorwarnung sitzen gelassen. Stattdessen war nun meine beste Freundin Katrin an meiner Seite und versuchte, ein möglichst guter Ersatz für Torben zu sein.

 

„Komm, Süße“, hörte ich Katrin sagen, „ich denke, wir haben genug Romantik gesehen.“ Dabei zwinkerte sie mir zu und schob mich sanft Richtung Ausgang.

 

 

 

*******

 

 

 

„Bist du soweit?“ hörte ich Torbens Stimme vor der Badezimmertür und schlüpfte dabei schnell in meine weißen Pumps. Die Uhr zeigte kurz nach halb Sieben am Abend und obwohl wir noch fast eine halbe Stunde Zeit hatten, bevor wir in dem gut acht Kilometer entfernten Restaurant sein mussten, hörte ich den leicht gereizten Unterton in Torbens Stimme. Ich wusste, dass er nichts mehr hasste, als unpünktlich zu sein, doch konnte ich schließlich auch nichts dafür, dass im Krankenhaus noch eine Notfallpatientin eingeliefert wurde, um die ich mich erst noch mit kümmern musste.

 

„Liebling, ich bin sofort soweit“, beruhigte ich ihn, strich noch einmal über mein türkisfarbenes Sommerkleid, das ich extra für diesen Abend gewählt hatte, weil ich wusste, dass es Torben besonders gut gefiel, und öffnete die Tür.

 

„Wow“, entfuhr es ihm. „Du siehst großartig aus, Schatz.“

 

„Danke, du aber auch.“ Und es stimmte. In der edlen Jeans, dem weißen Hemd und dem dunkelblauen Sakko darüber, sah Torben wirklich umwerfend aus. Dazu hatte er seine strohblonden Haare hoch gestylt, was ihm zusätzlich zu seiner ohnehin durchtrainierten Figur noch einen weiteren sportlichen Touch gab.

 

 

 

Während der Autofahrt sprachen wir kaum miteinander, hingen eher unseren eigenen Gedanken nach. Vermutlich, weil es jedes Mal, wenn unsere Familien aufeinander trafen, etwas unentspannt ablief. Schon als sich unsere Eltern das erste Mal vor gut fünf Jahren gegenüberstanden, um sich näher kennenzulernen, war kaum zu übersehen, dass sie sich nicht gerade besonders sympathisch waren. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie nicht hätten unterschiedlicher sein können. Während Torbens Familie sehr auf Etikette achtete und stets erwähnte, was für ein Glück ich doch hätte, einen so wundervollen Mann abbekommen zu haben, waren meine Eltern eher bodenständig und waren glücklich, wenn ich es war. So wurde bald jede Geburtstagsfeier, jedes Weihnachts- oder Osterfest zu einer Herausforderung für unser aller Nervenkostüm. Torbens Eltern liebten Themen wie Krankheitspolitik, Politik im Allgemeinen und Golf spielen, während meine Eltern von diesen Dingen einfach keine Ahnung hatten. Meine Mutter konnte hingegen stundenlang über die italienische Küche schwärmen, schließlich war sie eine waschechte Italienerin, die leidenschaftlich gerne kochte und backte. Und mein Vater liebte das Angeln, doch mit diesen Themen stießen sie bei Torbens Eltern auf Unverständnis und so bewegten wir uns Gesprächstechnisch stets auf einem Drahtseilakt, bei dem Torben und ich immer wieder versuchten, die Balance zu halten. Das war oft wirklich anstrengend, denn natürlich nahmen wir unsere Eltern auch jedes Mal voreinander in Schutz und hatten am Ende, wenn wir wieder unter uns waren, einen Streit, der manchmal Tagelang anhielt.

 

Doch heute würde es hoffentlich anders sein, denn heute ging es ausnahmsweise mal einfach um uns, um Torben und mich.

 

 

 

Als wir ankamen, warteten Torbens Eltern bereits auf der großen Terrasse des Restaurants, wo er im Vorfeld einen Tisch für uns reserviert hatte.

 

„Wie schön, dass ihr auch endlich kommt“, bemerkte Frau Kranz, Torbens Mutter, ein wenig schnippisch, obwohl wir noch gut in der Zeit lagen und ich spürte, wie unangenehm es Torben war, dass seine Eltern eher da gewesen waren als wir. Wie eh und je trug Frau Kranz eines ihrer teuren Kostüme, diesmal in einem auffälligen Rot und einen passenden, ausladenden Hut dazu. Natürlich war auch ihr Make-Up tadellos auf alles abgestimmt. Ich fand ihre Aufmachung jedes Mal ein wenig peinlich, denn man hätte denken können, Torbens Mutter wäre die Schwester der englischen Queen persönlich.

 

„Das ist meine Schuld“, erklärte ich nun freundlich. „Eben ist noch ein kleines Mädchen in die Klinik eingewiesen worden, das sich einen Arm gebrochen hat und der Arzt noch eine helfende Hand brauchte.“

 

„Aber natürlich geht so etwas vor“, flötete Frau Kranz nun übertrieben verständnisvoll und hauchte mir ein Küsschen links und ein Küsschen rechts auf die Wange. Frau Kranz hieß mit Vornamen Marianne, doch auch nach den fünf Jahren, die wir uns jetzt kannten, legte sie immer noch Wert darauf, dass ich sie mit Nachnamen ansprach. Das gleiche galt natürlich auch für ihren Mann Wolfgang, Torbens Vater. Ich respektierte ihren Wunsch, auch, wenn ich es nach wie vor ziemlich seltsam fand. Zumal meine Eltern Torben bereits nach der zweiten Begegnung das Du angeboten hatten. Aber Menschen waren nun einmal unterschiedlich.

 

„Setzen wir uns doch“, schlug Torben vor und zeigte auf die festlich gedeckte Tafel, vor der wir standen. Die Uhr zeigte nun Punkt Sieben an und das Auto meiner Eltern bog auf den Parkplatz ein.

 

„Heute schaffen es tatsächlich mal alle pünktlich“, erhob Frau Kranz abermals das Wort, denn sie hatte den Wagen ebenfalls sofort entdeckt.

 

„Marianne, bitte“, sagte ihr Mann leise zu ihr, doch wie so oft, nahm sie ihn gar nicht ernst. Im Gegensatz zu seiner Frau war Herr Kranz ein sehr liebenswerter, angenehmer Mensch, der nicht so viel Wert darauf legte, dass man schon anhand seiner Kleidung auf den ersten Blick erkennen konnte, wie wohlhabend er war.

 

„Das war doch einfach nur eine Feststellung. Heute ist doch auch ein ganz besonderer Anlass.“ Bei diesen Worten klang ihre Stimme so überzogen fröhlich und aufgesetzt, dass jeder zweifelsfrei heraushören konnte, was sie wirklich von unserer angehenden Verlobung hielt. Doch ich hatte mir vorgenommen, solch unangebrachte Verhaltensweisen heute einfach mal im Raum stehen zu lassen.

 

 

 

„Guten Abend“, begrüßten uns meine Eltern und mein älterer Bruder Romeo mit seiner Frau Lisa.

 

„Guten Abend“, erwiderten wir alle wie auf Kommando. Torben erhob sich kurz von seinem Stuhl und bot meiner Familie Platz an. In dem Moment kam auch schon ein Kellner, sah meinen zukünftigen Verlobten prüfend an, verschwand wieder mit einem Lächeln, nachdem Torben ihm freudig zugenickt hatte und erschien nur eine Minute später erneut an unserem Tisch. Diesmal mit einem Tablett in der Hand, auf dem er feine Kristallgläser und eine Flasche Champagner balancierte.

 

„Stellen Sie es einfach ab“, sagte Torben. „Ich kümmere mich selbst darum.“

 

„Sehr wohl“, erwiderte der Kellner und trat höflich, nachdem er das Tablett abgestellt hatte, zwei Schritte zurück. „Darf ich denn schon den ersten kleinen Gang servieren?“

 

„Ja, bitte.“

 

Damit verschwand der Kellner und Torben erhob sich, um die Flasche zu öffnen und jedem von uns ein Glas mit Champagner zu befüllen. Nachdem alle etwas zu trinken in den Händen hielten, hob Torben sein Glas in die Höhe und räusperte sich. Er wirkte plötzlich etwas nervös und unsicher, eine Art, die ich an ihm bisher noch nicht kennengelernt hatte. Im Gegenteil, Torben war das Selbstbewusstsein in Person, hatte immer einen passenden Spruch parat und ließ sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen. Während er mit der einen Hand sein Glas hielt, streckte er mir seine andere Hand entgegen und forderte mich so quasi auf, mich ebenfalls von meinem Stuhl zu erheben. Nun wurde auch ich etwas nervös, denn dieser Schritt, vor dem wir nun standen, war schon irgendwie wie ein Meilenstein.

 

„Liebe Julia“, begann Torben. Zum Leidwesen meiner Eltern hatte er es leider bis heute nicht verstanden, dass mein Name nicht Julia, sondern Giulia war. Mir machte es nicht so besonders viel aus, auch, wenn ich stolz darauf war, einen Namen zu haben, der in gewisser Weise meine Wurzeln verriet. Aber schließlich war es nur ein Name.

 

„Du weißt ja, warum wir heute alle hier zusammengekommen sind und ich hoffe, du willst mich immer noch heiraten, so, wie wir es beschlossen haben.“

 

„So, wie wir es beschlossen haben???“ schoss es mir durch den Kopf. Was sollte denn das jetzt? Auf einmal wurde mir glatt ein wenig schwindelig, obwohl ich noch nicht einmal an meinem Champagner genippt hatte. Sollte das tatsächlich mein Heiratsantrag sein?! In Filmen und in Büchern lief das aber anders ab, so viel war mal sicher. Und wo war überhaupt der Ring?

 

Torben musste meine leichte Irritation bemerkt haben, denn mit einem Ruck stellte er sein Glas auf den Tisch, ließ meine Hand los und kramte in seiner Hosentasche herum, aus der er nur Bruchteile von Sekunden später ein kleines Schmuckkästchen herausholte.

 

„Entschuldige“, lachte er verkrampft. „Das ist mein erster Heiratsantrag…“ Mit diesen Worten öffnete er das Kästchen und nahm einen schlichten Silberring heraus, den er mir an den Finger meiner linken Hand stecken wollte. Leider war er viel zu klein. Torbens Nervosität wuchs bald ins Unermessliche, genauso wie meine Enttäuschung. Ich versuchte trotzdem, das Beste aus der Situation zu machen und forderte meinen zukünftigen Mann dazu auf, mir den Ring einfach an den kleinen Finger zu stecken. Als er tatsächlich passte, atmete Torben erleichtert aus und sah mich freudestrahlend an. „Dann sind wir jetzt wohl verlobt.“

 

„Ja, unglaublich“, stammelte ich leise und ich spürte, wie ein Hauch von Enttäuschung in meiner Stimme mitklang, obwohl ich bemüht war, diese zu verbergen.

 

Unsere Familien klatschten peinlich berührt in die Hände und der Kellner brachte den ersten kleinen Gang, der aus Baguette und einem Krabbencocktail bestand.

 

„Ach, wie ich mich für euch freue“, ertönte die Stimme von Frau Kranz. „Dann darfst du ab heute auch Marianne zu mir sagen.“

 

„Das freut mich“, hörte ich mich sagen und stellte mit Erschrecken fest, dass diese Frau in nur wenigen Monaten tatsächlich meine Schwiegermutter sein würde.

 

 

 

Der weitere Abend verlief im Wesentlichen tatsächlich recht gesittet ab und es gab keine größeren Reibereien zwischen unseren Familien, was eigentlich ein Grund zur Freude gewesen wäre. Allerdings ertappte ich mich zwischendurch immer mal wieder dabei, mich irgendwie unglücklich zu fühlen, weil nicht einmal ein winzig kleiner Hauch von Romantik in Torbens Antrag gelegen hatte. Er hatte ja Recht, als er sagte, es sei sein erster Heiratsantrag und ich hatte bestimmt auch nichts Perfektes erwartet. Aber irgendwie fehlte mir etwas und ich hätte nicht einmal sagen können, was es wirklich war. Ich spürte nur, dass sich ein kleines Unbehagen in mir auszubreiten begann, von dem ich hoffte, es würde sich von alleine wieder verabschieden. Bestimmt, so sagte ich mir, würde ich die Situation am nächsten Tag bereits mit anderen Augen sehen und darüber lachen können. Schließlich war es immerhin ein Heiratsantrag, den man so schnell nicht vergessen würde. Und zumindest ein  Highlight hatte es tatsächlich noch an diesem milden Juni-Abend gegeben.

 

Nach dem Dessert erhob sich überraschend mein Vater und überreichte mir und Torben einen roten Briefumschlag.

 

„Was ist das?“ fragte ich neugierig.

 

„Na, schaut halt rein“, meinte meine Mutter und grinste dabei wie ein Honigkuchenpferd. Also öffnete Torben das Kuvert und zog einen Brief und zwei Opern-Karten heraus.

 

„Oh, eine Reise“, bemerkte er.

 

„Eine Reise?“ schaltete ich mich aufgeregt ein. „Wohin denn?“

 

„Nach Verona, Liebes“, sagte meine Mutter. „In die Stadt der Liebenden. Dorthin, wo dein Vater und ich uns kennengelernt haben.“

 

„Ihr habt euch in Verona kennengelernt?“ ertönte nun Mariannes Stimme und überschlug sich dabei fast vor übertriebener Heiterkeit.

 

„Ja“, nickte meine Mutter. „Wir sind uns an einem wunderschönen Sommerabend in der Arena über den Weg gelaufen. Beide wollten wir uns das Stück „Romeo und Julia“ ansehen. Ich war mit einer Freundin dort und Richard mit einer Reisegruppe. Beim Einlass stand Richard hinter mir und trat mir während eines Gedrängels unsanft so heftig auf den Fuß, dass ich bald meinte, Sterne zu sehen. Weißt du noch, Caro mio?“ Dabei sah sie meinen Vater so verliebt an, dass ich eine kleine Gänsehaut bekam. Immerhin waren meine Eltern bereits fast vierzig Jahre verheiratet und trotzdem leuchteten die Augen meiner Mutter noch immer wie bei einem verliebten Teenager.

 

„Ja, Schatz, daran erinnere ich mich, als wäre es erst gestern gewesen. Ohne dieses Missgeschick hätten wir uns sicherlich gar nicht kennengelernt.“ Dabei zwinkerte er ihr zu und gab ihr einen sanften Kuss auf die Wange.

 

„Ach, wie romantisch“, säuselte Marianne. „Deshalb heißen eure Kinder Romeo und Julia. Wie einfallsreich.“

 

„Giulia“, verbesserte nun mein Vater.

 

„Wie?“ Marianne verstand nicht.

 

„Unsere Tochter heißt Giulia. Und ja, wir fanden es romantisch, unsere Kinder nach den zwei Liebenden zu benennen.“

 

Einen Moment lang herrschte Schweigen am Tisch, doch dann fand Marianne als erste ihre Sprache wieder und wand sich an Torben und mich. „Für wie lange ist denn die Reise?“

 

Torben sah auf den Brief mit der Hotelbuchung. „Für zwei Tage.“

 

„Na, das lohnt sich ja gar nicht.“

 

„Marianne“, zischte Wolfgang daraufhin wieder einmal, dabei klang seine Stimme diesmal peinlich berührt und verärgert zugleich.

 

„Ich mein ja nur“, entgegnete sie ihm, sagte aber diesmal tatsächlich nichts weiter dazu.

 

„Also ich finde es ganz wundervoll“, rief ich begeistert und freute mich ehrlich riesig, denn nach Verona wollte ich immer schon mal fahren. „Was sagst du dazu, Schatz?“

 

„Ja, das ist eine schöne Idee. Vielen Dank.“ Seine Stimme klang ein wenig unbeteiligt, doch war Torben auch keinesfalls der Mensch, der sein Herz frei auf der Zunge trug. Etwas einfach so geschenkt zu bekommen, war ihm immer etwas fremd gewesen, denn in seiner Familie musste man sich alles stets hart erarbeiten, da gab es nichts geschenkt.

 

„Wann fahren wir denn?“ wollte ich nun wissen.

 

„Wir haben das Hotel für das erste August-Wochenende gebucht und die Opernkarten für den Samstag. Solltet ihr da nicht können, ist das kein Problem, dann können wir einfach alles umbuchen.“ Mein Vater hatte natürlich an alles gedacht und zum Dank drückte ich ihm einen Schmatzer auf die Wange.

 

 

 

Torben musste am nächsten Tag noch in seinen Dienstplan schauen und stellte fest, dass auch er an diesem Wochenende frei hatte und so stand unserer Fahrt nach Verona nichts mehr im Wege.

 

 

 

Die Wochen vergingen wie im Flug und ich konnte es kaum erwarten, zwei romantische Tage mit Torben zu verbringen. Zumal wir uns seit unserer Verlobungsfeier kaum gesehen hatten, da unsere Dienste in dem Klinikum, in dem wir beide arbeiteten, selten übereinstimmten. Hatte ich Nachtschicht, so war Torben zur Frühschicht eingeteilt oder umgekehrt. Das war zwar nichts Neues für uns, aber irgendwie hatte ich ein wenig gehofft, mehr Zeit mit meinem künftigen Ehemann verbringen zu können. Vielleicht auch, weil das merkwürdige Gefühl, das ich seit dem Antrag mit mir rumtrug, einfach nicht weichen wollte. In ruhigen Minuten betrachtete ich immer wieder den silbernen Ring an meinem kleinen Finger, strich sanft darüber und wartete darauf, dass sich innerlich die Freude einstellen würde, die ich insgeheim erhoffte, doch da war nichts. Verlobt zu sein fühlte sich nicht anders an als zuvor. Aber vielleicht war das auch normal, denn schließlich waren Torben und ich nach wie vor dieselben Menschen, lebten bereits seit vier Jahren zusammen in einer wunderschönen, großen Wohnung und hatten auch schon eine Gemeinschaftskasse. Es war also alles ohnehin bereits sehr Eheähnlich und mit diesen Gedanken beruhigte ich mich dann auch immer wieder.

 

 

 

Das funktionierte tatsächlich jedes Mal erstaunlich gut, doch es kam der Tag, an dem ich schmerzhaft feststellen musste, dass man lieber auf sein Bauchgefühl hören und ihm auf den Grund gehen sollte.

 

„Ich fahre jetzt in die Klinik“, verabschiedete sich Torben an dem Mittwoch-Abend, in der Woche unserer Reise, von mir und drückte mir einen Kuss auf die Stirn.

 

„Tschüss, Schatz. Wir sehen uns morgen früh. Ich fange ein wenig später zu arbeiten an, damit ich in Ruhe unsere Koffer packen kann. Schließlich ist es Freitag schon so weit.“ Freudestrahlend drückte ich Torben noch einen Schmatzer auf den Mund und schloss die Wohnungstür hinter ihm zu, zu der ich ihn noch begleitet hatte.

 

Anschließend nahm ich schnell eine kalte Dusche und ging ins Bett. Eigentlich hatte ich noch vor, meinen Roman, den ich vor einigen Tagen begonnen hatte, weiter zu lesen, doch schon nach den ersten Sätzen fielen mir die Augen zu und ich schlief tief und fest durch bis zum nächsten Morgen.

 

Als ich aufwachte, fiel mein Blick als erstes auf ein zusammen gefaltetes Blatt Papier, das auf meinem Nachttisch lag und das dort definitiv am Abend zuvor noch nicht gelegen hatte. War Torben etwa schon zu Hause und hatte mir eine Guten-Morgen-Nachricht geschrieben? Früher hatte er das öfter getan und war anschließend zum Bäcker gegangen und hatte frische Brötchen geholt. Gespannt nahm ich den Zettel und faltete ihn auseinander. Noch etwas verschlafen las ich die Zeilen:

 

 

 

„Guten Morgen Giulia,

 

 

 

es tut mir wirklich leid, aber ich kann nicht mit dir nach Verona fahren. Ich kann dich auch nicht heiraten. Mir ist das gerade einfach alles zu viel und ich brauche Zeit zum Nachdenken. Während du in Italien bist (du solltest auf jeden Fall fahren!), hole ich meine Sachen aus der Wohnung und ziehe zunächst einmal in ein Hotel.

 

Bitte sei nicht böse auf mich. Du bist eine wundervolle Frau und du hast einen besseren Mann verdient als mich.

 

Mach`s gut

 

Torben

 

 

 

P.S. Wir werden uns vor deiner Abfahrt auch nicht mehr sehen, da ich schon in einem Hotel eingecheckt habe. Ich denke, das ist besser so.“

 

 

 

„Was?!“ rief ich voller Entsetzen und fühlte mich innerlich so leer, als hätte man mir gerade alles Leben von einer auf die nächste Minute ausgesaugt. Doch trotz aller Leere, Trauer und Wut, die mich anschließend, nachdem ich den Brief weitere zwei Male gelesen hatte, packten, war da noch ein anderes Gefühl. Zunächst wollte ich es mir nicht eingestehen, doch das, was ich zusätzlich spürte, war eine absolut tiefe Erleichterung.

 

 

 

*******

 

 

 

„Wie gut, dass du so spontan Zeit hattest, mich zu begleiten“, sagte ich zu Katrin und nahm einen großen Schluck von dem Eiscafé, den wir in der Hitze der aufsteigenden Mittagshitze genossen, nachdem wir den überlaufenen Innenhof von Romeo und Julia verlassen hatten.

 

„Na hör mal“, erwiderte sie. „Wie könnte ich eine solche Einladung zu einem so großartigen Kurzurlaub ausschlagen?!“

 

Beide mussten wir für einen Moment lang schmunzeln, doch dann wurde Katrin wieder ernster. „Aber jetzt sag mal, was ist denn zwischen Torben und dir passiert, dass plötzlich alles zwischen euch aus ist?“

 

Diese Frage hatte ich mir selber bestimmt tausende Male gestellt seit ich den Zettel gelesen hatte. „Ich weiß es nicht“, antwortete ich also wahrheitsgemäß und zuckte mit den Achseln.

 

„Du willst mir also tatsächlich sagen, dass dieser Schuft dich wirklich einfach so hat sitzen lassen, ohne dass du auch nur irgendetwas bemerkt hast?“

 

„Naja, bemerkt wäre vielleicht zu viel gesagt. Es war eher so, dass ich seit unserer Verlobung so ein merkwürdiges Gefühl in mir hatte, das ich einfach nicht einzuordnen wusste.“

 

„Kein Wunder“, lachte Katrin nun ein wenig bitter auf. „Also bei so einem Heiratsantrag hätte ich sicherlich auch ein komisches Bauchgefühl gehabt. Das, was du mir erzählt hast, klang gar gruselig.“

 

Ich wusste, dass Katrin Torben von Anfang an nicht wirklich leiden konnte, weil sie ihn für einen oberflächlichen, arroganten Schnösel hielt. Das hatte sie mir einmal während einer Weinprobe, die wir beide gemacht hatten, gesagt. Aber sie respektierte unsere Beziehung, auch wenn sie mir immer mal wieder deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass so ein Mann wie Torben gar nicht zu mir passte. „Du brauchst etwas fürs Herz“, hatte sie immer wieder gesagt und weil sie es stets nur gut mit mir meinte, konnte ich ihr auch nie böse sein, wenn sie mir ihre Gedanken diesbezüglich hin und wieder mitteilte.

 

„Aber weißt du, was das schlimmste an der ganzen Sache ist?“ flüsterte ich ihr zu.

 

„Nein. Was denn?“

 

„Das ich gar nicht wirklich unglücklich darüber bin. Ganz im Gegenteil, irgendwie fühle ich mich sehr erleichtert.“ Ich hatte tatsächlich nicht eine Träne der Traurigkeit vergossen bisher. Geweint hatte ich eher vor Wut. Wut auf Torben und Wut auf mich. Aber Trauer hatte ich keine verspürt.

 

„Dann ist es doch gut, dass es noch vor eurer Hochzeit passiert ist. Und wer weiß, wofür es gut ist.“

 

„Ja, wer weiß, wofür es gut ist.“

 

„Jetzt aber mal etwas anderes, Giulia“, begann Katrin. „Du hast doch Familie hier in Italien, richtig?“

 

„Ja, meine Großtante, also die Schwester meiner verstorbenen Nonna wohnt irgendwo in der Nähe von Florenz. Warum fragst du?“

 

„Nun“, strahlte sie mich an. „Ich dachte, wenn wir schon einmal hier sind, könnten wir doch unseren Aufenthalt in Italien ein wenig verlängern. Und wenn du hier jemanden kennst, kommen wir vielleicht etwas günstiger dabei weg.“

 

Katrins Idee gefiel mir auf Anhieb. An so eine Option hatte ich zuvor noch gar nicht gedacht. Wahrscheinlich schon alleine deshalb nicht, weil ich meine Großtante Donatella gar nicht kannte und weil meine Mutter nicht besonders gerne über sie sprach.

 

„Also“, bohrte Katrin nach. „Was sagst du?“

 

„Naja, wenn ich es mir recht überlege, finde ich durchaus, dass wir unsere Zeit hier noch ein wenig verlängern sollten, zumal ich noch zwei Wochen Urlaub habe. Und meine Großtante wollte ich eigentlich auch schon immer mal kennenlernen.“

 

„Prima. Dann ist Verona erst der Anfang“ strahlte Katrin und war sichtlich glücklich, dass unser spontaner gemeinsamer Italien-Trip noch nicht am kommenden Tag enden würde. „Vielleicht sollten wir deine Großtante dann vorher einmal anrufen und fragen, ob sie überhaupt zu Hause ist. Ansonsten schauen wir mal, wo wir noch ein hübsches Hotel in der umliegenden Umgebung finden.“

 

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Nicole (Sonntag, 09 Juni 2019 20:18)

    Klasse Anfang� bin echt gespannt wie es weiter geht..........