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Eine kleine Erinnerung...

 

Es war ein merkwürdiges Gefühl, als ich den Schlüssel im Schloss herumdrehte und das Haus meiner Großmutter betrat, denn seit letzter Woche stand es leer. Meine Oma war einfach nicht mehr da. Ganz ohne Abschied war sie von uns gegangen und nun war es hier still und einsam. Niemand war mehr da, der einen empfangen und sich über einen Besuch freuen konnte und diese Tatsache fuhr wie ein kleiner Stich direkt in mein Herz. Der einzige Trost, der uns nach der traurigen Nachricht blieb, war der, dass Oma wohl einen sehr schnellen Tod erlitten hatte und das gönnten wir ihr von ganzem Herzen, denn alles andere hätte auch gar nicht zu ihr gepasst. So lange ich denken kann, war sie eine der eigenständigsten und fittesten Menschen, die ich bisher kennengelernt habe. Natürlich hatte sie mit ihren zuletzt bald 95 Jahren auch das ein oder andere kleine Zipperlein und ihr Gedächtnis wollte ganz und gar nicht mehr so, wie sie es gerne gewollt hätte, doch hielt sie bis zuletzt niemand davon ab, alleine in ihrem großen Haus zu wohnen.

 

 

 

Heute wollte ich noch einmal die Gelegenheit nutzen, mich auf meine ganz persönliche Art und Weise von meiner Oma zu verabschieden, bevor bald nichts mehr in diesen Räumen so sein würde, wie ich es nun seit fast vierzig Jahren kannte. Ja wirklich, Jahrein, Jahraus gab es hier kaum etwas, das sich je wirklich verändert hätte, denn meine Großeltern waren immer sehr genügsame Menschen gewesen, die mit dem zufrieden waren, was sie hatten. Sie brauchten nicht ständig neue Dinge oder großartige Veränderungen, um glücklich zu sein. Das, was ihnen außer ihrer Familie, also wir, immer am Meisten Freude bereitet hatte, das war ihr großer Garten, den sie liebevoll hegten und pflegten. Hier wurden unter anderem Kartoffeln, Bohnen, Erbsen, Spinat und verschiedene Salatsorten angepflanzt. Auch Obst wie beispielsweise Himbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren, Äpfel und Pflaumen gab es stets jedes Jahr zu ernten. Selbst als Opa vor fast zweiundzwanzig Jahren verstarb, ließ es sich Oma bis zuletzt nicht nehmen, den Acker immer wieder neu zu bestellen. Natürlich wurde die Nutzfläche jede Saison ein wenig kleiner und die Rasenfläche dafür umso größer, doch die Hauptsache für sie war, dass sie noch immer etwas in ihrem Garten zu tun hatte.

 

 

 

Mein erster Gang an diesem recht sonnigen Nachmittag führte in die kleine Küche, von der aus man auch in den Garten gelangen konnte. Es war so leise, dass ich die Uhr, die in ihrem Küchenschrank stand, laut und deutlich hören konnte. Ihre Anziehsachen, die sie sich an dem letzten Sonntag, als sie noch lebte, herausgelegt hatte, um direkt am nächsten Morgen hineinzuschlüpfen, lagen noch immer unberührt auf der Lehne des Sofas. Nichts hatte wirklich daraufhin gedeutet, dass sie sie nicht mehr brauchen würde und doch blieben sie nun für immer unbenutzt.

 

Hier in dieser recht kleinen Küche, an die eine winzige Kochnische angrenzte, habe ich so viele wunderschöne Stunden verbracht. Meine erste Erinnerung, die mich an diesem Nachmittag überkam, waren die Wochenenden meiner Kindheit, besonders die Samstage.

 

 

 

 

 

Bereits am Nachmittag, wenn meine Schwester Jessica und ich noch mit Maja, Omas und Opas schwarz-weißem Collie draußen im Garten spielten, heizte Opa im Keller den kleinen Ofen an. Dieser stand in der Waschküche, wo außer einer Waschmaschine und einer Schleuder, die sich, sobald man sie in Betrieb nahm, in Bewegung setzte und durch den ganzen Raum wanderte, noch eine Dusche vorzufinden war. Und immer samstags, wenn Jessi und ich gemeinsam bei unseren Großeltern übernachten durften, wurden wir zwischen Abendbrot und Fernsehprogramm geduscht.

 

„Ihr könnt noch einmal um den Pudding rennen“, rief meine Oma gerne, bevor es Zeit war, Abendbrot zu essen. >Um den Pudding< bedeutete hier, einmal rund um das angepflanzte Acker zu laufen, da, wo Rasen gepflanzt war und wir keinerlei Blumen, Gemüse oder Obst zertrampeln konnten. Gerade im Sommer grünte und blühte es in allen Farben in dem großen Garten. Wir genossen den vielen Platz, den wir als Kinder hier hatten. Selbst vor dem Haus gab es noch eine riesige Rasenfläche, wo wir rennen und toben konnten und auch die verkehrsberuhigte Straße lud zum Spielen ein. Bei gutem Wetter waren wir stets an der frischen Luft zu finden und wenn dann samstags die Sirenen ertönten und damit der Abend eingeläutet wurde, hieß es bald, rein kommen in die gute Stube und sich auf das Abendprogramm vorzubereiten.

 

 

 

„Was riecht hier denn so lecker?“ fragten Jessi und ich fast gleichzeitig, als wir an einem dieser Abende in die Küche stürmten.

 

„Ich habe Püfferchen gebacken“, verkündete Oma und nahm die heiße Pfanne vom Herd in der Kochnische und hielt sie unter kaltes Wasser, wo sie ein lautes Zischen von sich gab und ein paar Rauchwölkchen aus ihr emporstiegen. Die Püfferchen standen derweil schon auf dem weißen Küchentisch und warteten nur darauf, von uns verspeist zu werden.

 

Heute hatten wir Glück, dass es so etwas Leckeres gab. Manchmal gab es aber auch so merkwürdige Dinge wir Möpkenbrot, Blutsülze oder Kastenpickert. Wir mussten das nie essen, aber alleine der Geruch war schon so unangenehm gewesen, dass wir keinen Bissen davon herunterbekommen hätten.

 

„Und was für Tee gibt es heute dazu?“ fragte ich nun. Auch das war eine Besonderheit, die Jessi und ich nur von unseren Großeltern aus Theesen kannten. Stets tranken sie abends zu ihrem Graubrot oder samstags und mittwochs zu Brötchen Tee. Meine Oma befüllte immer eine Glaskanne mit kochend heißem Wasser aus dem Kessel, ließ zwei Teebeutel darin ziehen und stellte eine Eieruhr auf exakt 5 Minuten, damit sich auch tatsächlich der gewünschte Geschmack entfalten konnte.

 

„Hagebuttentee.“

 

„Oh, prima“, rief ich, denn den mochte ich immer am liebsten.

 

 

 

Nach dem Abendessen durften Jessi und ich noch ein wenig spielen, denn vor dem Duschen musste erst noch das Geschirr abgespült werden und dabei mussten wir nicht helfen.

 

„Weißt du, was gleich das Schrecklichste ist?“ fragte ich Jessi und war mir sicher, sie wüsste, was ich meine. Doch sie schüttelte nur mit dem Kopf. „Nein, was denn?“

 

„Dass wir gleich wieder die Duschhaube aufsetzen müssen.“

 

„Ja, stimmt“, fiel es ihr dann auch wieder ein.

 

Widerstand war auch leider zwecklos, denn Oma meinte, dass unsere Haare sonst bis zum zu Bett gehen nicht trocknen würden.

 

„Wer von euch möchte heute zuerst duschen?“ fragte sie da auch schon und steckte ihren Kopf dabei durch die Wohnzimmertür.

 

„Ich“, sagte ich schnell. Dann hätte ich die Duschhauben-Prozedur wenigstens als Erste hinter mir. Alles andere an dem Samstag-Abend-Duschritual fand ich eher toll. Ich meine, wer hatte schon eine Dusche im Keller und dann auch noch einen so schönen warmen Ofen daneben?

 

Überhaupt war bei Oma und Opa in Theesen alles irgendwie besonders, denn es war stets, als würde man in eine andere Zeit reisen. Eine Zeit, die schon lange vorüber war, aber genau das machte diesen besonderen Charme aus, den ich sonst nie irgendwo anders so intensiv erlebt habe. Alles war so gemütlich, so einfach und so Erlebnisreich. Es gab immer wieder etwas Neues zu entdecken, immer etwas zu helfen, zu lernen oder zu tun und alles stets verbunden mit viel Freude.

 

 

 

Während ich mich auszog, nahm Oma die dunkelblaue Duschhaube mit den lustigen Noppen vom Wandhaken und stülpte sie mir über die Haare. Es ziepte und kniff unangenehm und ich war jetzt schon froh, wenn ich sie mir in wenigen Minuten wieder herunterziehen konnte.

 

Nachdem Oma mich ordentlich abgeduscht hatte, hüllte Opa mich zunächst in ein furchtbar steifes Handtuch und setzte mich zum Aufwärmen auf den Hocker vor dem Ofen. Hier durfte ich dann warten, bis Jessi auch fertig war.

 

„Dürfen wir heute wieder die Pyjamas anziehen?“ fragte ich Oma, als wir die Kellertreppe nach oben gingen.

 

„Natürlich“, nickte sie. „Ich habe sie schon ins Wohnzimmer gelegt. Diese Pyjamas waren für uns ein kleines Highlight, wenn wir bei unseren Großeltern übernachteten, denn sie waren aus Seide und hatten feine Blumenmuster. Einer von beiden war altrosa, der andere hellblau und beide waren einfach wunderschön. Auf dem Weg ins Wohnzimmer mussten wir auch an einem alten Schuhschränkchen vorbei, das im Flur stand. „Können wir auch die Pantoffeln mitnehmen?“ fragte Jessi nun.

 

Und auch hier gab es ein zustimmendes Nicken. Oma drehte den Schlüssel des Schränkchens und zog die Klappe nach vorne, wobei einige Schuhe, darunter auch die Pantoffeln, nach vorne kippten. Sie nahm sie heraus und gab sie Jessi, die sofort ihre Puschen gegen die silbernen Pantinen mit der markanten Spitze tauschte. Wir liebten diese Schühchen sehr, denn sie glitzerten und funkelten so schön und sahen aus, als hätte sie der kleine Muck vor Jahrhunderten persönlich getragen. In Wirklichkeit gehörten sie unserer Mutter, die sie einmal, als sie selber noch ein Kind gewesen war, geschenkt bekommen hatte. Heute war Jessi zuerst an der Reihe. Beim nächsten Mal dann sicherlich wieder ich, so hoffte ich. Es war ein Jammer, dass es nur ein Paar davon gab, aber zum Glück durften wir sie überhaupt anziehen.

 

 

 

Im Wohnzimmer lief mittlerweile auch die Heizung und der Fernseher war schon passend zur Tagesschau eingeschaltet. Während Opa in seinem grünen Sessel am Fenster Platz nahm, teilten Oma, Jessi und ich das Sofa miteinander. Oma saß immer an der Seite der Heizung und nahm Jessi meist auf den Schoß, während ich auf der anderen Seite Platz nahm und von dort aus Fern sah. Nachdem wir unsere Schlafanzüge angezogen und uns unter der grünen Wolldecke eingekuschelt hatten, begann das abendliche Fernsehprogramm. Am Schönsten war es, wenn die Sendung „Flitterabend“ kam, die von Michael Schanze moderiert wurde. Wir liebten es, wenn die angehenden Brautpaare auf ihren Wolkenbetten in die Luft gefahren wurden und anschließend im freien Fall abgeworfen wurden und es hieß „Auch verlieren ist nicht bitter, hier kommt euer Bobby Flitter.“

 

 

 

 

 

Ja, so hatten wir viele Samstage verbracht. Und auch die Sonntage waren stets ein Erlebnis gewesen, denn während Oma immer ein Drei-Gänge-Menü zauberte, wanderte Opa entweder mit uns und Maja durch die Theesener Landschaft oder er fuhr mit uns zu Bekannten, die er besuchen wollte. Mittags gab es dann zunächst eine Gemüsesuppe mit Sternchennudeln darin, dann einen Braten mit Gemüse aus dem eigenen Garten und mehlig kochenden Kartoffeln und zum Nachtisch einen gekochten Pudding mit untergehobenem Eischnee. Das war wirklich herrlich. Nebenbei hörten Oma und Opa immer den Rundfunk, was Jessi und ich immer etwas lustig fanden, weil die Sprecher so komisch klangen und auch die Musik vollkommen veraltet und gewöhnungsbedürftig war.

 

Aber heute sind es genau diese Dinge, an die ich mich mit einem Lächeln zurückerinnere, weil es einfach so Besonders war.

 

 

 

Als wir älter wurden, schliefen wir immer seltener bei Oma und Opa, aber zu den Sonntagsessen kamen wir auch später noch öfter dazu. Gerade, wenn mein Vater wieder einmal zur Kur war, nahmen meine Mutter, Jessi und ich die Einladung zum Essen gerne an.

 

 

 

In den letzten Jahren kochte Oma nur noch für sich alleine. Nicht, dass sie nicht gerne für uns gekocht hätte, das nicht. Aber irgendwie gab es keine wirklichen Gelegenheiten mehr, um gemeinsam zu Mittag zu essen.

 

Ich fuhr gerne hin und wieder nachmittags zu ihr. Meist überraschte ich sie dann im Garten und lud sie zu einer kleinen Kaffeepause ein. Dafür hatte ich meist Kuchen mitgebracht, denn sie liebte Kuchen sehr. Anschließend zündete sie sich stets eine Zigarette an. Manchmal rauchte sie nur eine halbe Zigarette und behielt die andere Hälfte für später. In den letzten Jahren hatte sie auch schon einmal darüber nachgedacht, das Rauchen aufzugeben, doch die Überlegung verwarf sie dann doch wieder recht schnell. Sie meinte, wenn sie jetzt schon so alt geworden war, dann brauchte sie nun auch nicht mehr damit aufhören.

 

 

 

Von der Küche ging ich nun in das Wohnzimmer. Der Holzboden knatsche dabei unter meinen Füßen. Die grüne Couchgarnitur, die Teppiche, der Schrank, ebenso wie alles andere in diesem Raum, ließen keinen Zweifel daran, dass hier eine deutlich ältere Generation gelebt hatte. Und auch, wenn niemand mehr von uns irgendetwas von diesen Möbelstücken behalten würde, weil es einfach nicht mehr der heutigen Zeit entsprach, so hatte all das hier seinen ganz eigenen Charme und bei dem Gedanken, all das in nächster Zeit entrümpeln zu müssen, blutete mir das Herz.

 

Wie viele wundervolle Geburtstage und erste Weihnachtsfeiertage hatten wir hier mit der kompletten Familie gefeiert. Für mich und ich denke auch für Jessi waren das stets Highlights, denn solche Feste waren niemals langweilig gewesen. Wir waren immer an die zwanzig Personen, die sich in Küche und Wohnzimmer verteilten und gemeinsam Spaß hatten. Es gab wundervolles Essen, tolle Gespräche und die ein oder anderen Spiele für uns Kinder. Unsere Großeltern hatten eine tolle Kugelbahn im Keller, die zu diesen Anlässen häufig nach oben in die Stube geholt wurde und mit der wir uns tatsächlich Stundenlang beschäftigen konnten. Klassisch war auch stets der Weihnachtsbaum, der immer auf einer Art Dinette stand. Er war nie besonders groß, aber er hatte jedes Jahr eine Spitze und eine Menge Lametta zu bieten.

 

Leider löste sich der Weihnachtsbrauch auf, nachdem unser Opa gestorben war. Aber die Erinnerungen an diese wirklich wundervollen Zeiten, sind in mir noch immer sehr präsent und ich bin aus tiefstem Herzen dankbar dafür.

 

 

 

Mein Blick wanderte jetzt zur Fensterbank, auf der noch immer viele Blumen standen, die dringend ein wenig Wasser benötigten. Wie oft war ich als Kind mit meiner Oma durch die Räume gegangen und habe die Blumen mit ihr gemeinsam gegossen. Dabei sang sie gerne das Lied „Meine Blümchen haben Durst“ oder manchmal, wenn eine Fliege unseren Weg kreuzte „Du arme Fliege, wenn ich dich kriege“.

 

Ich nahm die Gießkanne zur Hand und bewässerte die Grünpflanzen. Dabei stach mir die große Glaskugel ins Auge, die schon seit Ewigkeiten zur Dekoration auf der Fensterbank stand. Als kleines Mädchen habe ich damit immer Wahrsagerin gespielt ohne zu wissen, dass sie eigentlich als Briefbeschwerer gedacht war. Ich nahm sie in die Hände und besah sie mir gründlich von allen Seiten. Wie viele Erinnerungen hier auf einmal in mir hochkamen. Ich hätte sicherlich zu fast jedem Gegenstand irgendeine Geschichte gewusst. Nachdem ich die Kugel zurück an ihren Platz gestellt hatte, nahm ich noch einen kleinen Moment Platz auf dem Sofa. Die grüne Decke lag noch so da, wie meine Oma sie an ihrem letzten Abend vorm Zubettgehen hatte liegen lassen.

 

Wie viel hatte ich von ihr gelernt? Es waren vielleicht nur kleine Dinge, aber Dinge, an die ich mich noch gut erinnern konnte. Kartoffeln schälen zum Beispiel, oder Häkeln. Auch, wie man Bettwäsche am besten zu zweit nach dem Waschen und Trocknen zusammenlegen sollte. Ich lernte ebenfalls von ihr, wie man Garn wieder aufwickelte, wenn man ein Kleidungsstück aufgeribbelt hatte.

 

 

 

Solange ein lieber Mensch noch da ist, fallen einem viele Sachen gar nicht ein. Alles ist irgendwie so selbstverständlich und man denkt gar nicht daran, dass das Leben nicht ewig währt. Eher hat man das Gefühl, dass alles stets immer weiter läuft, so, wie man es gewohnt ist. Und erst, wenn ein Mensch nicht mehr da ist, wird einem häufig erst wieder bewusst, wie kostbar er für einen selber war.

 

Ja, meine Oma war wirklich kostbar für mich, auch, wenn wir vielleicht nicht immer einer Meinung waren. Aber das machte nichts, denn wir liebten einander genauso, wie wir nun einmal waren. Natürlich denke ich heute manchmal, ich hätte sie vielleicht häufiger besuchen, oder sie öfter anrufen sollen. Doch letztendlich weiß ich, dass es darauf gar nicht ankommt. Wichtig ist nur die Zeit, die man gemeinsam mit einem lieben Menschen verbringt und die war bei meiner Oma und mir immer gut genutzt. Wir hatten die schönsten Gespräche und ich habe es immer sehr genossen, wenn sie alte Geschichten aus ihrer Jugend erzählte, auch, wenn ich viele Zusammenhänge gar nicht verstehen konnte. Doch meine Oma blühte auf, wenn sie in Erinnerungen schwelgte und an dieser Freude habe ich gerne teilgenommen. Manchmal baute sie in ihre Erzählungen auch irgendwelche Anekdoten auf Plattdeutsch ein. Dann freute sie sich, wenn wir es nicht richtig verstanden und sie es uns erklären konnte. Und es gab einen Satz, den sie liebend gerne benutzte. Jedes Mal, wenn in einer Unterhaltung der Satz fiel „Ach, das ist doch nicht so schlimm“, oder so ähnlich, dann  sagte sie ständig darauf "Wenn`s schlimm ist kommt ein Lappen drum". Ich fand diese Floskel immer gruselig, aber heute schmunzle ich darüber und freue mich, dass es eben solche Erinnerungen gibt, die man auch mit anderen teilen kann, die sie ebenfalls kannten. Dann kann man gemeinsam darüber lachen.

 

 

 

Bevor ich das Haus für diesen Tag verließ, ging ich noch einmal in das kleine Schlafzimmer, in dem man sie am Morgen des 4. März leblos aufgefunden hatte. Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Tag, denn es war Karneval und das Wetter war so schrecklich, dass man hätte meinen können, der gesamte Himmel weinte mit uns.

 

Wie viele Nächte hatte ich hier als Kind verbracht?! Es waren wundervolle Zeiten gewesen und so lange wie ich lebe, werde ich dieses Haus, diesen Ort, als etwas ganz Besonderes in meinem Herzen tragen. Meine Großeltern haben uns so viele schöne Zeiten geschenkt und ich bin sehr dankbar, dass sie mich noch eine so lange Zeit in meinem Leben begleiten durften.

 

Für alle, die meine Oma kannten, wird dieser Text vielleicht ebenfalls eine kleine Erinnerung sein und für alle, die sie nicht kannten, gibt er hoffentlich einen kleinen Einblick darüber, was für ein wundervoller Mensch sie war.

 

 

 

So schließe ich die Türe wieder hinter mir zu und sage DANKE. Danke, dass es Dich gegeben hat und dass Du mein Leben so bereichert hast.

 

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Nicole (Dienstag, 19 März 2019 15:58)

    Eine wunderschöne berührende Geschichte.......