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Virginia

Kurzgeschichte: Virginia
Kurzgeschichte: Virginia

 

Wenn es etwas gab, das man schon damals, vor bald fünfundzwanzig Jahren, ganz und gar nicht von Virginia behaupten konnte, dann, dass sie ein gewöhnliches Mädchen gewesen wäre. Denn das war sie sicherlich nicht.

 

Und als ich ihr heute das erste Mal nach so vielen Jahren zufällig im Park wieder begegnete, durfte ich feststellen, dass diese Tatsache wohl noch immer ihre Gültigkeit hatte.

 

 

 

Während ich hier mit einem Glas Rotwein auf meiner Veranda sitze, holen mich die Erinnerungen vergangener Zeiten wieder ein. Ich sehe noch genau den Tag vor mir, an dem ich Virginia das erste Mal begegnet war. Das war bei unserer Einschulung im Sommer 1984, als Virginia und ich in dieselbe Klasse kamen. Irgendwie sahen wir ja damals alle gleich aus. Die Jungs trugen vorwiegend feine Cordhosen, ein weißes Hemd und wenn es ganz schlimm kam, noch eine Fliege dazu, während die Mädchen in schicken Blumenkleidchen und Lackschuhen daherkamen und ihre, meist, langen Haare brav zu einem Zopf zusammengebunden hatten.

 

Ich weiß noch, wie sich jeder von uns der Klasse vorstellen und sein größtes Hobby mitteilen musste und ich mir keinen einzigen Namen auf Anhieb merken konnte, weil sich eben alle zum Verwechseln ähnlich sahen. Doch dann stand Virginia von ihrem Platz auf und alle Kinder hielten für einen Moment die Luft an, so imposant war ihr Erscheinungsbild.

 

„Hallo, ich bin Virginia“, sagte sie und alleine bei dem tiefen, harten Klang ihrer Stimme, die so gar nicht kindlich und erst recht nicht mädchenhaft war, ging es einem durch Mark und Bein. Aber das war noch nicht alles. Ihr gesamtes Äußeres war irgendwie unglaublich markant, wenn man sich die anderen Mädchen neben ihr ansah. Da war nichts Zartes, Leichtes oder Liebliches an ihr. Eher glich sie einem kernigen Jungen vom Land, so kräftig war sie.

 

Statt Blumenkleidchen und Lackschuhen trug Virginia ein kariertes Bauernhemd, eine Latzhose und Turnschuhe. Ihre Haare waren zwar lang, doch sah ihre unbändige Lockenpracht aus, als hätte sie noch niemals etwas von einem Kamm oder einer Bürste gehört. Sie war auch das einzige Mädchen, das sich keinen klassischen roten oder pinken Ranzen auf den Rücken geschnallt hatte, sondern einen blauen.

 

„Herzlich willkommen, Virginia“, sagte Frau Bieber, unsere Klassenlehrerin. „Verrätst du uns auch noch, was du besonders gerne in deiner Freizeit machst?“

 

„Fußball spielen“, antwortete Virginia nun und stemmte dabei ihre Hände in die Hüften. „Darin bin ich richtig gut.“

 

Die Mädchen und Jungs im gesamten Klassenraum begannen zu kichern, denn in ihren Augen eignete sich dieses Hobby nun wirklich nicht für ein Mädchen.

 

„Na“, erhob Tom, einer der Jungen prustend das Wort, „dann können wir ja gleich mal in der Pause schauen, was du so drauf hast.“

 

„Können wir machen“, antwortete Virginia nur trocken und setzte sich wieder hin.

 

Ich weiß noch, dass mir die Zeit anschließend bis zur Pause unendlich lang vorkam. Zu gerne wollte ich sehen, ob sie tatsächlich etwas von dieser Sportart verstand. Doch so wie sie aussah, hatte ich irgendwie keinen Zweifel daran.

 

In der Pause bildeten wir zwei Mannschaften. Tom, der Junge, der Virginia herausgefordert hatte, hatte sich zu einem Mannschaftskapitän erkoren und sein Freund Kalle zu einem weiteren. Nach und nach suchten sie sich ihre Mitspieler aus und natürlich blieb am Ende nur noch Virginia übrig, denn keiner der beiden Jungs wollte sie in seinem Team haben. Schließlich waren sie der festen Überzeugung, dass ein Mädchen unmöglich etwas von Fußball verstehen könnte. Virginia landete letztendlich in Kalles Mannschaft, in die ich ebenfalls gewählt worden war.

 

Der kleine schüchterne Fabian ließ sich zum Schiedsrichter ernennen und pfiff das Spiel an. Bereits nach etwa zwei Minuten hatte Virginia den Ball für sich erobert und bescherte uns das erste Tor. Und dabei blieb es nicht, denn Virginia spielte so geschickt, dass es am Ende durch ihren Verdienst fünf zu eins stand. Tom ärgerte sich anschließend maßlos über sich selbst, denn hätte er das ungewöhnliche Mädchen, wie er sie häufig nannte, in seine Mannschaft gewählt, hätte er gewonnen und nicht Kalle. Mit diesem Fehler hatte er sich auch für die Zukunft seine Erfolgschancen vermasselt, denn da er Virginia an diesem Tag quasi am langen Arm hatte verhungern lassen, war sie anschließend nie auch nur ansatzweise gewillt gewesen, in seinem Team mitzuspielen, obwohl er sie immer wieder versuchte, für sich zu gewinnen. So gewannen stets die anderen und nicht er.

 

 

 

Virginia und ich wurden mit der Zeit ziemlich gute Freunde, denn wir hatten irgendwann festgestellt, dass wir fast Nachbarn waren und trafen uns regelmäßig, um unsere Fußballtaktiken noch weiter zu verfeinern. Ich konnte vieles von ihr lernen, denn sie beherrschte Tricks, die sonst nur Profis kannten, was daran lag, dass ihr Onkel als Stürmer in einer Profiliga spielte und ihr immer wieder neue Dinge beibrachte.

 

Während die anderen Kinder in der Schule aufgrund von Virginias Andersartigkeit ihre Schwierigkeiten mit ihr hatten, genoss ich ihre Gesellschaft sehr, denn mit ihr konnte man wahrlich Pferde stehlen und den ganzen Tag Spaß haben.

 

Mir war es egal, wie sehr sie sich vom Rest unterschied. Ich liebte einfach ihre Einzigartigkeit.

 

Eines Tages, als Virginia und ich wieder einmal bei ihr im Garten trainierten, stellte ich ihr eine Frage, die mich schon lange beschäftigte.  „Wieso heißt du eigentlich Virginia? Das ist schon ein sehr ungewöhnlicher Name.“

 

„Ja“, lachte sie. „Willst du wirklich wissen, wieso ich so heiße?“

 

„Na klar, sonst würde ich nicht fragen.“

 

 „Also gut. Du hast es so gewollt.“ Mit einem Seufzer ließ sie sich ins Gras fallen und forderte mich auf, es ihr gleich zu tun.

 

„Meine Eltern sind vor meiner Geburt mit einem kleinen VW-Bus kreuz und quer durch die vereinigten Staaten von Amerika gefahren und in Virginia haben sie mich gezeugt.“

 

„Was???“ Mit so einer Antwort hatte ich bestimmt nicht gerechnet. Wir waren damals gerade mal sieben Jahre alt und da hatte man von so einem Thema überhaupt keine Ahnung und man wollte auch keine Ahnung davon haben.

 

„Na, du weißt schon“, sagte sie nun ganz trocken. „Die haben da Liebe gemacht und deshalb heiße ich so. Ist halt `ne Erinnerung.“

 

 

 

 

 

Ein Lächeln legt sich unwillkürlich auf meine Lippen, denn so war es immer mit Virginia gewesen. Ihre Direktheit und Unkompliziertheit faszinierten mich noch viele Jahre lang, denn all diese kleinen Details machten sie immer schon zu diesem wirklich außergewöhnlichen Mädchen, mit dem ich einen Großteil meiner Kindheit verbracht hatte.

 

Leider verloren sich unsere Wege, als wir auf unterschiedliche weiterführende Schulen gingen und unsere Stundenpläne so sehr auseinanderklafften, dass wir immer weniger Zeit fanden, uns zu sehen. Irgendwann hatten wir uns dann ganz aus den Augen verloren.

 

 

 

Und heute, als ich so durch den Park joggte, lief, oder eher, fiel ich Virginia quasi fast in die Arme. Es war gegen acht Uhr, als ich meine tägliche Strecke ablief. Um diese Zeit ist meist noch ziemlich wenig los im Park und ich genieße die Ruhe, die mir die Natur dann zu bieten hat. Doch an diesem Tag hatten sich offensichtlich einige Hundebesitzer zu einem gemeinsamen Spaziergang verabredet. Ich versuchte noch, die diversen Halter und ihre kleinen und großen Lieblinge zu umgehen, doch übersah ich leider eine der Leinen, über die ich prompt fiel und nun ausgestreckt wie ein Maikäfer vor einer recht rassigen Frau lag. Ihr Hund, ein hellbrauner Labrador, kam sofort auf mich zugestürzt und leckte mir mit seiner warmen, feuchten Zunge über das gesamte Gesicht. Vermutlich hatte er ein schlechtes Gewissen, weil ich über seine Leine geflogen war.

 

„Oh, nein“, rief die Frau erschrocken. „Es tut mir furchtbar leid.“ Noch während sie mir ihre Hand helfend entgegenstreckte, klingelte es in meinen Ohren. Diese Stimme kannte ich, wenngleich es bereits viele Jahre lang her war, dass ich sie gehört hatte, doch einen solchen Klang vergaß man nicht.

 

„Ist schon in Ordnung“, keuchte ich, rappelte mich auf und klopfte mir den Dreck von der Kleidung. Erwartungsvoll sah ich ihr in die Augen, doch sie schien sich nicht an mich erinnern zu können.

 

„Hallo Virginia“, sagte ich also und sah, dass sie krampfhaft überlegte, wen sie hier vor sich hatte. Um es ihr nicht unnötig schwer zu machen, half ich ihr ein wenig auf die Sprünge. „Im Fußball macht uns keiner etwas vor.“ Das war ein Satz, den wir damals als Kinder immer unseren Mitschülern unter die Nase gerieben hatten, wenn sie meinten, sie verstünden mehr von dieser Sportart, als es tatsächlich der Fall war und könnten uns für dumm verkaufen.

 

Und jetzt dämmerte es ihr. „Niklas?“

 

„Ja, genau.“

 

„Das gibt`s doch nicht.“ Mit einem Lächeln, das makellos weiße Zähne enthüllte, strahlte sie mich an. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund wurde mir dabei heiß und kalt und wie gebannt schaute ich sie an und hing förmlich an ihren Lippen. „Das ist Ewigkeiten her, dass wir uns gesehen haben“, sprach sie weiter. Dann wandte sie sich an ihren Hund und streichelte ihm über den Kopf. „Gut gemacht, Puffel.“

 

„Puffel?!“ Ich musste unwillkürlich lachen, denn so einen Namen konnte auch nur Virginia ihrem Hund geben.

 

„Lach nicht“, versuchte sie so ernst wie möglich zu sagen, was ihr jedoch nicht annähernd gelang. „Er hieß tatsächlich schon so, als ich ihn bekommen habe.“

 

Der Hund stupste mich mit seiner Schnauze an und wedelte erwartungsfreudig mit seinem Schwanz. „Ja, das hast du wirklich gut gemacht“, lobte ich ihn jetzt ebenfalls und schenkte ihm eine Streicheleinheit.

 

„Ich würde gerne noch mit dir plaudern“, meinte Virginia mit einem entschuldigenden Blick auf die anderen Hundebesitzer. „Aber ich fürchte, ich muss jetzt weiter.“

 

Mit den Fingern ihrer rechten Hand fuhr sie sich durch die Kastanienbraune Lockenpracht. Es war erstaunlich, was die Zeit aus diesem kleinen, sehr jungenhaften Mädchen gemacht hatte. Ihre wilde Mähne glänzte in der Sonne und auch sonst strahlte sie eine Weiblichkeit aus, die mir bald den Atem raubte. Ihre sonnengebräunte Haut und ihre gesamte Erscheinung konnten einem fast den Eindruck vermitteln, dass sie keine deutschen, sondern brasilianische Wurzeln hatte.

 

„Hier“, sagte sie kurze Zeit später und reichte mir ein Stück Tempo, auf das sie ihre Handynummer gekritzelt hatte. „Meld dich mal.“

 

Und ehe ich noch groß etwas antworten konnte, war sie auch schon mit Puffel zu den anderen Hundebesitzern gelaufen, die bereits ein ganzes Stück weiter voran gegangen waren.

 

 

 

 

 

Ich erhebe mich für einen Moment aus meinem bequemen Gartenstuhl, gehe ins Haus und suche das Tempo aus meiner Hosentasche, in die ich es am Morgen sogleich gesteckt hatte. Schließlich wollte ich es unter keinen Umständen verlieren, denn wer wusste schon, ob ich andernfalls jemals wieder die Chance bekommen hätte, Virginia noch einmal zu begegnen.

 

 

 

Sollte ich sie heute noch anrufen? Oder ihr vielleicht eine Nachricht schreiben? Aber was sollte ich ihr sagen? Fragen über Fragen. Natürlich wollte ich sie wiedersehen, das war ganz sicher. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, es sollte ein besonderes erstes richtiges Treffen nach so langer Zeit werden. Denn Virginia war ganz ohne Zweifel eine besondere Frau und wenn ich ehrlich war, hatte ich sie heute das erste Mal bewusst als weibliches Geschöpf wahrgenommen. Sie war nicht mehr meine kleine Kumpel-Freundin von damals, sie war nun eine derart attraktive Erscheinung, die etwas in mir auslöste, was ich mit Worten nicht hätte beschreiben können. Doch seit unserer Begegnung war sie ständig in meinen Gedanken und ein kribbeliges Gefühl durchströmte meinen Körper, wie ich es niemals vorher bei irgendjemandem verspürt hatte.

 

Und noch während ich unschlüssig darüber nachdenke, ob und wie ich den Kontakt zu Virginia aufnehmen könnte, überkommt mich eine blitzartige Idee. Ich hatte am Morgen zufällig in der Zeitung gelesen, dass am kommenden Abend ein Sommer-Rock-Konzert im Park stattfinden sollte. Der Eintritt war nicht ganz günstig, denn es waren einige namenhafte Rock-Musiker aufgeführt, die ihr Können zum Besten geben sollten. Zudem waren Getränke und Häppchen inbegriffen. Und da es noch ein paar Rest-Karten geben sollte, rufe ich kurzentschlossen bei der Zeitung an und reserviere zwei Plätze. Ich bin mir sicher, dass Virginia ein solches Konzert gefallen würde, denn wenn es damals etwas außer Fußball gab, das ihre Leidenschaft erweckte, dann war es die Musik.

 

So etwas änderte sich vermutlich auch nicht im Laufe der Zeit, so hoffe ich zumindest. Mit zittrigen Fingern nehme ich mein Smartphone in die Hand und wähle ihre Nummer.

 

„Hallo“, meldet es sich am anderen Ende der Leitung.

 

„Hallo Virginia, ich bin es, Niklas“, hauche ich ins Telefon und hoffe, dass sie meine Nervosität nicht bemerkt.

 

„Niklas, wie schön, dass du dich so schnell meldest. Du klingst etwas nervös.“

 

Erwischt! Denke ich. „Nein, ganz und gar nicht“, lüge ich und nehme all meinen Mut zusammen. „Ich würde dich gerne einladen.“

 

„Dafür, dass mein Hund dich heute zu Fall gebracht hat?“, scherzt sie. „Dafür müsste ich dich normalerweise einladen. Wie gut, dass dir nichts passiert ist.“

 

 „Ach, das war doch nicht so schlimm“, wiegle ich den Vorfall ab. „Ich habe zwei Karten für das Sommer-Rock-Konzert morgen und dachte, wenn du zufällig nichts anderes vorhast?“ Dabei versuche ich aus irgendeinem unerfindlichen Grund recht beiläufig zu klingen.

 

„Was? Wirklich?“ kreischt es in den Hörer. „Das ist ja großartig. Weißt du, niemand wollte mit mir hingehen und alleine hatte ich keine Lust.“

 

Erleichterung macht sich in mir breit, denn es klingt nicht nach einem Korb und den hatte ich aber vermutlich insgeheim ein wenig befürchtet. „Na, dann freue ich mich doppelt.“

 

„Und ich mich erst! Ich habe mich immer schon gefragt, was wohl aus dir geworden ist. Und dann dieses Zusammentreffen heute… verrückte Zufälle gibt es.“

 

„Ja, was für ein Zufall“, stimme ich ihr zu und spüre tief in mir drin, dass es sicherlich kein Zufall, sondern Schicksal war, dass uns heute Morgen im Park nach so vielen Jahren wieder zusammengeführt hat.

 

„Ich freue mich. Bis morgen“, höre ich sie noch in den Hörer sagen, bevor sie auflegt.

 

„Bis morgen“, sage auch ich noch, obwohl ich weiß, dass sie es schon nicht mehr hören kann. Ich lege das Smartphone an die Seite, nehme einen genüsslichen Schluck von meinem Wein und bin einfach glücklich, denn ich weiß, egal, wie es mit Virginia und mir weitergeht, sie ist und bleibt ein ganz außergewöhnliches, einmaliges Geschöpf, für das ich dankbar bin, ihm in meinem Leben begegnet sein zu dürfen.

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Nicole (Montag, 04 Februar 2019 20:39)

    Super �

  • #2

    Brigitte (Montag, 25 Februar 2019 19:26)

    Hab die Geschichte, wie alle anderen gerne gelesen!