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Tante Hilde und das Geheimnis des Schrebergartens

Tante Hilde und das Geheimnis des Schrebergartens
Tante Hilde und das Geheimnis des Schrebergartens

 

 Nun war es tatsächlich so weit. Tante Hilde hatte das zeitliche gesegnet. Ja, eigentlich hätte ich wohl traurig sein müssen, so, wie es sich für einen guten Neffen gehörte. Doch so sehr ich auch mein Innerstes davon zu überzeugen versuchte, vielleicht wenigstens ein bisschen Trauer zu empfinden, es gelang mir einfach nicht. Im Gegenteil, denn auch heute noch klappten sich mir buchstäblich die Fußnägel hoch, wenn ich nur Tante Hildes Namen hörte.

 

 

 

 

 

Ich weiß noch sehr genau, wie ich oft als kleiner Junge drei Wochen meiner kostbaren Sommerferien bei Tante Hilde und Onkel Karl im Kalletal verbringen musste, damit meine Eltern ungestört nach Bali fliegen konnten. Onkel Karl war ein ganz feiner Kerl gewesen, klein, rundlich, mit dem Gemüt eines Kuschelbären. Mit ihm alleine hätten diese drei Wochen tatsächlich Spaß machen können, denn er verstand viel vom Fischen und nahm mich an den Wochenenden gerne mit an kleine Seen in der näheren Umgebung. Er brachte mir einiges bei, das ich auch heute noch erfolgreich beim Angeln praktiziere. Doch während der Woche fuhr er jeden Morgen pünktlich um sieben Uhr in sein Büro und kam ebenso pünktlich am Abend gegen sechs Uhr wieder Heim, wo er dann mindestens für eine Stunde lang seine Ruhe brauchte. Ja, und in der Zwischenzeit, da hatte ich das Vergnügen mit Tante Hilde. Und die war das komplette Gegenteil von ihrem Mann, meinem Onkel Karl. Sie war groß, hager und konnte nicht zwei Minuten still sein. Sie redete selbst mit den Küchengeräten, wenn gerade niemand reales zugegen war oder ihr nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde, wie sie sie gerade für sich benötigte.

 

Einmal, als Onkel Karl und ich wieder einmal beim Angeln waren, konnte ich meine Neugier einfach nicht im Zaum halten. „Du, Onkel“, mit großen Augen und etwas unschlüssig, sah ich ihn an.

 

„Hm“, gab er nur von sich und erwiderte meinen Blick, so, als wäre es eine Aufforderung, weiter zu sprechen.

 

„Weißt du, dass Tante Hilde mit dem Mixer spricht? Und mit dem Staubsauger? Und… überhaupt mit Dingen aus eurer Wohnung.“

 

Onkel Karl, den sonst nichts aus der Fassung bringen konnte, blickte mich amüsiert an und begann aus voller Kehle schallend zu lachen. „Ja, mein Junge“, prustete er. „Das weiß ich. Sie kann einfach nicht einen Augenblick lang ihren Mund halten.“ Vor lauter Lachen wurde er ganz rot im Gesicht. Mir erschloss sich Tante Hildes Verhalten allerdings nicht, ich fand es durch und durch peinlich und befremdlich.

 

„Aber wieso spricht sie mit all den Sachen?“

 

„Na, ganz einfach“, gluckste Onkel Karl weiter. „Weil sie ihr keine Widerworte geben.“

 

 

 

Ja, so war Tante Hilde. Einen Tag mit ihr zu verbringen war wie die schlimmste Nachsitz-Stunde. Nur, dass man beim Nachsitzen seine Ruhe hatte, während Tante Hilde einem mit ihrer schräbbeligen Stimme die Welt erklärte. „Nein, Junge“, sagte sie immer, wenn ich etwas für sie tun sollte. „So geht das doch nicht. Ich zeige und erkläre es dir und du machst es dann genauso, wie ich es dir gesagt habe.“

 

Dabei war es auch egal, um was für eine Tätigkeit es sich handelte. Selbst wenn es darum ging, einen Stift anzuspitzen, hatte Tante Hilde stets noch einen Verbesserungsvorschlag. „Nein, doch nicht so. Gib mal her“, bei diesen Worten riss sie mir Stift und Spitzer aus der Hand, sah mich hochwichtig an und legte mit ihrem Vortrag los. Ich war meist jedes Mal zu geschockt, um ihr irgendwelche Widerworte zu geben. Manchmal, wenn ich nur den leisesten Versuch wagen wollte, ihr kund zu tun, dass ich schon wüsste, was ich zu tun hatte, blickte sie mich aus schmalen, vorwurfsvollen Augen an, so dass ich meinen Mund schnell wieder schloss. In dem Moment entspannten sich ihre Gesichtszüge augenblicklich wieder, sie tätschelte mir über den Kopf und nickte zufrieden. „Na, siehst du, du weißt doch, dass du noch eine Menge von mir lernen kannst.“

 

Am Schlimmsten waren die Tage, an denen Tante Hilde mit mir in ihr kleines Schrebergärtchen fuhr, denn diese Ausflüge waren einfach nur schrecklich peinlich für mich. „Du nimmst die kleine Gartenhacke mit“, sagte sie jedes Mal und strahlte mich dabei an, als dachte sie, sie würde mir mit diesem Gerät die größte Freude machen, die ich mir nur vorstellen konnte. „Heute machen wir etwas ganz Besonderes.“ Das war stets der Folgesatz und ich wusste, das würde nichts Gutes für mich bedeuten.

 

Wir fuhren auch nicht mit dem Auto zum vier Kilometer entfernten Schrebergarten, sondern mit dem Fahrrad. Nicht, dass ich etwas gegen Fahrrad fahren gehabt hätte, nein, ganz im Gegenteil. Hätte ich ein eigenes Rad gehabt, hätte ich mich vielleicht sogar wirklich ein bisschen auf unseren Ausflug gefreut. Doch Tante Hilde hatte ein dunkel grünes Klapprad, an dem man vorne vor dem Lenker eine Art Korb anbringen konnte, denn ursprünglich hatte es einem Bäcker gehört, der damit sein Brot und seine Brötchen ausgeliefert hatte. Tja, und was soll ich sagen?! Statt Brot und Brötchen landete nun ich in dem Korb. Je älter ich wurde, desto peinlicher war mir diese Ausfahrt jedes Mal. Doch Tante Hilde zeigte keinerlei Erbarmen, genoss es sogar noch sichtlich, denn so hatte sie überall die volle Aufmerksamkeit für sich. „Guten Morgen Hilde“, begrüßte sie so beispielsweise der Metzgermeister Stark. „Na, hast du wieder fleißige Unterstützung für dein Gärtchen?!“ Oder Frau Zicht, die Nachbarin aus dem fünften Stock gegenüber, die aus ihrem Küchenfester brüllte: „Was für ein hübsches Gespann ihr doch seid.“

 

Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken, denn alle Leute, die um uns herum standen, schauten nun erst recht zu uns.

 

Während der Fahrt quasselte Tante Hilde ununterbrochen und ich fragte mich jedes Mal, wie sie zwischen ihren langen Sätzen überhaupt Luft holen konnte.

 

Im kleinen Schrebergarten erwarteten uns dann etwa fünfhundert bunte Gartenzwerge, die grinsend dabei zusahen, wie ich jeden kleinen Zentimeter mit der Spitzhacke bearbeiten musste. Und wehe, es war doch noch irgendwo auch nur ein kleines Zipfelchen Unkraut zu sehen. Dann musste ich komplett von vorne beginnen und noch einmal alles zerpflügen.

 

 

 

 

 

In meiner Erinnerung waren die Bilder von Tante Hilde so lebendig, dass mir glatt meine Ohren rauschten, weil ich meinte, ihre Stimme noch immer direkt hinter mir zu hören. Ja, vielleicht hätte ich sie auch nach dem Tod von Onkel Karl vor zehn Jahren, einmal besuchen sollen. Aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, auch nur fünf Minuten mit ihr alleine in einem Raum zu sein und mich wieder wie der kleine dumme Junge zu fühlen, den sie anscheinend immer in mir gesehen hatte.

 

 

 

Vor mir auf dem Küchentisch stand das Paket, das mir der Notar im Auftrag von Tante Hilde übergeben hatte. Ein bisschen neugierig, was sich wohl darin befinden mochte, war ich schon. Also holte ich eine Schere und löste damit vorsichtig die Klebestreifen, die das Paket zusammenhielten. Zum Vorschein kamen ein Brief, ein Schlüssel und… die Spitzhacke aus meiner Kindheit.

 

„Ich fasse es nicht“, schimpfte ich vor mich hin. „Das ist wirklich ein schlechter Scherz.“ Am liebsten hätte ich einfach alles in die Ecke geworfen und mich stattdessen meiner Tageszeitung gewidmet. Doch jetzt war ich innerlich schon so aufgewühlt, dass mich doch auch noch interessierte, welchen Auftrag mit Tante Hilde wohl in ihrem Brief mitteilte. Ich konnte mir schon vorstellen, dass ich ab heute glücklicher Erbe ihres Schrebergärtchens war, der das unglaubliche Glück hatte, ihren blumigen Acker wieder regelmäßig mit der Spitzhacke bearbeiten zu dürfen. Ich nahm den Brief heraus, entfaltete ihn und begann zu lesen:

 

 

 

„Lieber Constantin,

 

 

 

lange haben wir nichts mehr voneinander gehört und ich kann es dir auch nicht verdenken, dass du mich nicht mehr besuchen wolltest. Ich weiß schon, dass du mich immer für ein wenig merkwürdig und peinlich gehalten hast, aber das ist schon in Ordnung. Weißt du, ich habe mir immer eigene Kinder gewünscht, aber deinem Onkel Karl und mir war es leider nie möglich gewesen, welche zu bekommen. Deshalb habe ich die drei Wochen in den Sommerferien, die du bei uns verbracht hast, auch immer so genossen und es geliebt, dich überall zu präsentieren. Du warst halt mein wundervoller kleiner Neffe, mit dem ich möglichst viel Zeit verbringen und dem ich viel beibringen wollte.

 

Erst viele Jahre später ist mir irgendwann aufgefallen, dass ich dich mit meiner ganzen Art wohl eher verschreckt und genervt habe, statt eine Bereicherung für dich zu sein. Ich hatte einfach keine Ahnung von Kindern. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb es wohl besser war, dass wir keine eigenen hatten. Gerne hätte ich dir das auch persönlich gesagt, aber irgendwie fehlte mir der Mut. Aber eines sollst du auf jeden Fall wissen. Ich war immer stolz darauf, dich als meinen Neffen zu haben. Du warst schon als kleiner Junge so unglaublich klug und geschickt. Ich wusste ganz genau, dass du die meisten Sachen, die ich dir zeigen und erklären wollte, bereits konntest und wusstest. Trotzdem hatte ich damals einfach immer wieder das Bedürfnis, dir die Welt zu erklären, damit ich ein bisschen das Gefühl haben konnte, du hättest auch ein wenig etwas von mir gelernt. Ja, das sind vielleicht die dummen Gedanken einer alten Frau, aber ein bisschen Träumen ist ja sicherlich erlaubt.

 

 

 

Ein Haus, ein schickes Auto oder sonst irgendwelchen materiellen Luxus habe ich leider nicht zum Vererben. Aber der Schlüssel zum kleinen Schrebergarten wird dir vielleicht eine kleine Freude bereiten. Die Spitzhacke habe ich doch tatsächlich noch in meiner Abstellkammer gefunden. Erinnerst du dich noch…

 

Natürlich erinnerst du dich (lach). Ich weiß, dass du die Arbeit im Garten schrecklich fandst, aber ich habe es genossen, dort mit dir Zeit zu verbringen. Es wäre schön, wenn du dich ein wenig um meine Zwerge kümmern würdest, die hast du ja immer besonders gemocht…

 

 

 

Mach es gut, mein lieber Constantin. In meinem schrulligen Herzen wirst du immer einen Platz haben.

 

Alles Liebe dieser Welt

 

Deine Tante Hilde

 

 

 

P.S. Ich werde Onkel Karl herzlich von dir grüßen und freue mich darauf, ihn bald wieder zu sehen.

 

 

 

 

 

Nun hatte ich tatsächlich einen Kloß im Hals, denn dieser Brief bewegte mich irgendwie innerlich. Vielleicht war meine Tante Hilde doch ein ganz anderer Mensch als der, für den ich sie immer gehalten hatte. Plötzlich verspürte ich irgendwie das große Bedürfnis, mit ihr persönlich sprechen zu können und erkannte schmerzlich, dass es dafür nun eindeutig zu spät war.

 

Aus meinem leicht anfänglichen Schmerz wurde plötzlich Wut. Wie konnte sie mir all das in einem Brief offenbaren und sich gleichzeitig schon aus dem Staub gemacht haben?! Das war wirklich nicht fair! In meiner aufkommenden Wut schnappte ich mir den Schlüssel zum Schrebergarten, setzte mich ins Auto und fuhr damit ins Kalletal. Von Rosenheim aus war dies nicht gerade um die Ecke, doch das war mir gerade ziemlich egal. Nach sieben Stunden erreichte ich die kleine Gartenkolonie und steckte den Schlüssel ins passende Torschloss. Zum Glück war es mitten im Sommer und so war es noch hell, als ich gegen einundzwanzig Uhr in dem Gärtchen stand, in dem ich einen Teil meiner Kindheit verbracht hatte.

 

Irgendwie sah immer noch alles gleich aus. Da standen die zwei Apfelbäume, der Holunderbusch, die kleine grüne Bank und die vielen bunten Blumen inmitten von einer immergrünen Hecke. Und zwischen all den Pflanzen grinsten mich wie eh und je die gut fünfhundert Gartenzwerge an. Regungslos stand ich da und ließ die Erinnerung in mir hochsteigen, die dieses Bild in mir auslöste.

 

Noch einen Tag zuvor hätte ich am liebsten geleugnet, eine Tante wie Tante Hilde gehabt zu haben. Doch dieser Brief hatte mit einem Male alles verändert. Ich erkannte, dass Dinge oftmals nicht so waren, wie sie schienen und dass Menschen manchmal aus Liebe etwas tun, was für den, der geliebt wird, nicht im Entferntesten nach Liebe aussieht.

 

 

 

Es war wohl eine Mischung aus Wut, Verzweiflung und Trauer, die mich dazu bewogen, den grinsenden Gartenzwerg mit dem Spaten, der direkt vor meinen Füßen stand, in die Hände zu nehmen und ihn mit voller Wucht an einen der Apfelbäume zu schleudern, an dem er in tausend Stücke zerbrach und zu Boden rieselte. In dem Moment packte mich das schlechte Gewissen, denn ich wusste ja, dass Tante Hilde ihre Gartenzwerge unglaublich wichtig gewesen waren. Schuldbewusst ging ich langsamen Schrittes auf die Scherben zu und wollte sie einsammeln, als ich unter einer der Scherben eine Entdeckung machte. Zunächst dachte ich, ich würde nicht richtig sehen, doch als ich näher kam und mich hinunter bückte, erkannte ich, dass ich mit meiner Vermutung Recht gehabt hatte. Da lag tatsächlich ein fünfhundert Euro Schein. Er musste in dem Gartenzwerg gesteckt haben, denn anders war es nicht zu erklären, dass er an einer der Scherben klebte.

 

Und auch auf die Gefahr hin, dass Tante Hilde mich nun von irgendwo aus beobachten konnte, so tat ich etwas, das ihr vielleicht missfallen hätte. Ich nahm einen weiteren Zwerg und warf ihn ebenfalls an den Baum. Nur wenige Sekunden später fand ich auch unter diesem Scherbenhaufen einen Geldschein, so, wie ich es leise vermutet hatte.

 

 

 

Da es in der gesamten Schrebergartenkolonie mittlerweile ganz still geworden war, konnte ich ungestört dort weiter machen, womit ich also gerade angefangen hatte. Ich nahm jeden einzelnen der grinsenden Gartenzwerge und ließ sie abwechselnd an den Apfelbäumen zerschellen. Am Ende hatte ich einen riesigen Berg Scherben und einen riesigen Berg Bargeld.

 

Als ich mit dieser großen Summe Geld auf der grünen Bank Platz genommen hatte, fiel mir der Satz aus Tante Hildes Brief urplötzlich wieder ein: „Es wäre schön, wenn du dich ein wenig um meine Zwerge kümmern würdest, die hast du ja immer besonders gemocht…“

 

 

 

Mich überkam ein Lachflash, der einfach nicht enden wollte. Tante Hilde hatte immer gewusst, wie schrecklich ich ihre Zwerge gefunden hatte und vermutlich hatte sie damit gerechnet, dass ich zumindest mal einem von ihnen den Garaus mache. Sie hatte also tatsächlich Humor gehabt. Und sie hatte mich wirklich geliebt, auch, wenn ich es bis zu diesem Morgen, an dem ich ihren Brief in Händen hielt, niemals für möglich gehalten hatte. Ich sah meine Tante Hilde nun mit anderen Augen und ich hatte auch schon eine Idee, was ich mit dem Geld machen würde.

 

 

 

Ein halbes Jahr später eröffnete ich zusammen mit meiner Frau das „Tante Hilde Stift“, das sich um vernachlässigte, benachteiligte Kinder in unserer Umgebung kümmerte. Im Eingang des hellen und freundlichen Gebäudes prangte ein großes, gerahmtes Bild, welches mich gemeinsam mit Tante Hilde beim Kuchenbacken zeigte. Onkel Karl hatte die Fotografie damals gemacht und ich hatte mich zunächst gesträubt, mit aufs Bild zu kommen, weil es mir peinlich gewesen war, in einer Kittelschürze fotografiert zu werden. Doch heute war ich froh, dass es dieses Bild gab, denn es war so ziemlich das Einzige, das jemals von Tante Hilde und mir gemacht worden war.

 

 

 

„Tante Hilde wäre stolz auf dich“, hatte mir meine Frau am Abend der Eröffnungsfeier zugeflüstert und irgendwie wusste ich, dass sie damit Recht hatte.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Nicole (Samstag, 12 Januar 2019 19:10)

    Ich hab es sehr genossen eine neue kurzgeschichte zu lesen!
    Leider ging es viel zu schnell.........