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Das kleine Sternchen Nummer 6186

 

Viele tausend Lichtjahre stand das kleine Sternchen, welches die Nummer 6186 trug, bereits am Abendhimmel und beleuchtete, wie all die anderen Sterne, die Erde. Es bereitete ihm große Freude, den Menschen zuzusehen, wie sie ihre Blicke in der Schwärze der Nacht hinauf zum Himmel richteten und den Mond und die helle Sternenpracht bestaunten. Und je mehr Menschen die gesamte Pracht bewunderten, desto heller leuchteten die Sterne vor lauter Glück, auch das Sternchen Nummer 6186.

 

Eines Nachts geschah es, dass das kleine Sternchen eine ganz besondere Entdeckung auf der Erde machte. Es sah einen Mann und eine Frau, die es vom ersten Moment an so faszinierten, dass es in seinem Bauch regelrecht zu kribbeln begann und seine Leuchtkraft bald ins Unermessliche wuchs. Das fiel natürlich gleich dem guten alten Mond auf, der alle seine Sterne stets im Blick hatte.

 

„Na, Sternchen Nummer 6186“, begann er, „hast du eine besondere Entdeckung gemacht?“

 

Das kleine Sternchen wurde ein wenig rot um die Nase. „Woher weißt du das?“ wollte es wissen, denn es war ihm schier unerklärlich, woran der Mond das erkannt hatte.

 

„Tja, kleines Sternchen“, lachte dieser nun liebevoll, „ich kenne alle meine Sterne gut. Und weißt du, wenn einer von euch sein großes Glück auf der Erde entdeckt hat, dann bleibt es mir nicht verborgen.“

 

Das Sternchen staunte und flüsterte dem Mond leise zu: „Siehst du diese Frau und diesen Mann dort unten?“, dabei zeigte es mit einer seiner Zacken auf ein Paar, das gemeinsam in einem hübschen, bunt bewachsenen Garten saß. Augenblicklich schlich sich dabei ein verliebtes Lächeln auf seine Lippen.

 

„Ich verstehe“, antwortete nun der Mond und nickte geheimnisvoll. „Dann genieße den wunderschönen Ausblick.“

 

 

 

Und das tat das Sternchen Nummer 6186 auch. Viele Nächte sah es auf die beiden Menschen herab und leuchtete nur noch für sie.

 

So verging einige Zeit und das Sternchen wusste bald so ziemlich alles über dieses Paar, das es so in seinen Bann gezogen hatte. Es wusste tatsächlich so gut über diese beiden Menschen Bescheid, dass es sich schon wie ein Teil von ihnen fühlte. Einerseits war dies ein ganz wundervolles Gefühl, denn wenn man ein Teil von etwas oder jemandem ist, so stellte das Sternchen für sich fest, dann fühlt man sich glücklich. Doch andererseits fühlte es sich auch unglaublich unglücklich, denn es genügte ihm plötzlich nicht mehr, nur vom Nachthimmel aus auf seine zwei Lieblingsmenschen zu schauen. Es wollte so gerne bei ihnen sein und sich wirklich dazugehörig fühlen.

 

„Ach“, seufzte es eines Tages leise vor sich hin und ließ seine Zacken dabei traurig hängen.

 

„Aber was hast du denn?“, fragte ihn der Mond.

 

„Ich fühle mich einsam.“

 

„Unter so vielen anderen Sternen?“

 

„Ja“, nickte das kleine Sternchen.

 

„Vielleicht ist dann jetzt bald deine Zeit gekommen“, antwortete der Mond und klang dabei sehr weise.

 

„Wofür?“, fragte Sternchen Nummer 6186 ein wenig irritiert.

 

„Zeit, den Sternenhimmel zu verlassen.“

 

Nun packte das kleine Sternchen die Angst, denn vielleicht könnte es seine beiden Lieblingsmenschen dann nicht einmal mehr beobachten. „Wieso verlassen? Wo soll ich denn hin?“

 

„Keine Angst“, flüsterte der Mond beruhigend, „Du hast vor einiger Zeit eine wundervolle Entdeckung für dich gemacht.“ Hier unterbrach er sich für einen Moment und sah das Sternchen dabei prüfend an. Als es ihm zaghaft zunickte, denn es wusste natürlich sofort, wovon der Mond sprach, fuhr dieser fort. „Wenn ein Sternchen auf der Erde ein Paar entdeckt, in das es sich auf Anhieb verliebt, dann darf es sich, wenn alles stimmig ist, selber auf den Weg hinunter zur Erde begeben.“

 

Nun fühlte das Sternchen wieder dieses unbändige Kribbeln in seinem Bauch, denn die Vorstellung, diesen beiden Menschen, die ihm schon so vertraut vorkamen, ganz nah zu sein, ließ sein kleines Herzchen vor Freude in seiner Brust hüpfen. Doch dann fragte es sich, wie so etwas denn nur gehen könnte. Es hatte schließlich noch nie gesehen, dass einer der anderen Sterne bei den Menschen auf der Erde lebte.

 

„Du hast sicherlich schon einmal ein Paar mit einem Baby gesehen“, mutmaßte der Mond.

 

„Ja, natürlich“, strahlte Sternchen Nummer 6186. „Babys sind wundervolle kleine Wesen, die ebenso von den Menschen bewundert werden, wie wir Sterne.“

 

„Genau“, sagte der Mond, „das liegt daran, dass alle Babys tatsächlich einmal Sterne waren. Ihre Leuchtkraft behalten sie noch eine ganze Weile, so lange, bis sie sich ihrer wahren Natur nicht mehr bewusst sind.“

 

„Ui“, staunte das kleine Sternchen. Dann wurde es nachdenklich, denn es konnte sich einfach nicht vorstellen, wie es sich jemals in ein Menschenkind verwandeln und endlich ganz nah bei seinen Lieblingsmenschen sein könnte.

 

„Nun“, begann der Mond seine Erklärung, „diese Verwandlung ist etwas ganz Magisches und Wundervolles. Doch es gibt drei wichtige Voraussetzungen, die unbedingt erfüllt sein müssen, bevor sich dieser Zauber vollziehen kann.“

 

„Und welche Voraussetzungen sind das?“, fragte es nun aufgeregt.

 

„Zuerst musst du herausfinden, wann der Mann und die Frau, die du erwählt hast, Geburtstag haben. Das Jahr ist dabei nicht entscheidend, jedoch müssen der Tag und der Monat beider Menschen mit deiner Sternennummer übereinstimmen. Nur dann besteht überhaupt die Chance, dass du zu genau diesem Paar gelangen kannst.“

 

Das Sternchen überlegte, doch obwohl es so ziemlich alles über diese beiden Menschen wusste, waren ihm die Geburtstage bisher unbekannt. Trotzdem war es sehr zuversichtlich, dass es herausfinden würde, was ihm nun aufgetragen wurde. Bevor es sich an diese Aufgabe begab, wollte es auch noch die zwei weiteren Voraussetzungen wissen. Doch der Mond schüttelte nur mit dem Kopf. „Erfülle zunächst diese Aufgabe, dann erfährst du die zweite Voraussetzung von mir.“

 

So grübelte das Sternchen von da an Nächte lang darüber nach, wie es die Geburtstage der Frau und des Mannes erfahren könnte.

 

„Da gebe ich dir einen Tipp“, meinte Sternchen Nummer 1984. „Wenn Menschen Geburtstag haben, feiern sie meist große Feste, zu denen sie allerhand Gäste einladen. Es gibt viel gutes Essen, reichlich Auswahl an Getränken und viele Geschenke für das Geburtstagskind.“

 

„Danke für diesen Hinweis“, freute sich das kleine Sternchen. „ dann werde ich ab jetzt gut aufpassen.“

 

 

 

Allerdings dauerte es eine ganze Weile, bis das Sternchen den ersten Geburtstag herausfand. Es war genau der sechste Tag im neuen Jahr, als die Frau tatsächlich einige Gäste zu Besuch hatte, die ihr Geschenke mitbrachten, und gutes Essen und Getränke gab es ebenfalls.

 

„Es passt“, jubelte das kleine Sternchen voller Freude, denn die sechs und die eins waren seine ersten Sternennummern. Jetzt hoffte es ganz fest, dass auch der Geburtstag des Mannes mit den letzten Ziffern seiner Sternennummer übereinstimmte. Doch es musste einfach so sein. Gespannt schaute es weiterhin jede Nacht zur Erde und wartete sehnsüchtig auf den Juni, denn dort musste dieses Ereignis laut seiner Rechnung stattfinden. Kurz bevor es endlich soweit war, bekam das kleine Sternchen 6186 eine schlimme Erkältung. Es fühlte sich so elend, dass es Tag und Nacht nur schlief, um sich auszukurieren. Als es sich eines Abends endlich wieder besser fühlte, fragte es den Mond, welches Datum gerade auf der Erde herrschte.

 

 „Heute ist der zehnte Juni“, antwortete er.

 

„Was?!“ schrie das kleine Sternchen. „Ich habe den wichtigsten Tag verschlafen! Wie konnte das nur passieren?“ In seiner Not wandte es sich erneut an den Mond. „Was soll ich jetzt tun?“

 

„Ganz einfach“, antwortete dieser gelassen. „Du musst einfach auf den nächsten Geburtstag warten.“

 

Diese Vorstellung gefiel dem Sternchen gar nicht, denn es wusste, dass so ein Tag nur einmal im Jahr gefeiert wurde. Dennoch half es nichts, denn der Mond bestand darauf, dass es seine Aufgabe erfüllte. Also wartete das kleine Sternchen all die folgenden Monate ab. Und es lohnte sich, denn am Tage des achten Junis bekam auch der Mann endlich Geschenke von seinen Gästen und hatte reichlich gutes Essen und Getränke bei sich zu Hause.

 

„Es stimmt, es stimmt, es stimmt“, juchzte das kleine Sternchen in dieser Nacht voller Glück.

 

„Dann verrate ich dir jetzt die zweite Voraussetzung, die erfüllt sein muss, damit du eines Tages zu deinen Lieblingsmenschen kommen kannst.“

 

Gespannt schaute das kleine Sternchen den Mond an und seine Augen funkelten vor Neugierde.

 

„Die zweite Voraussetzung ist, dass die Frau und der Mann, die du dir ausgesucht hast, sich lieben.“

 

Nun strahlte Sternchen Nummer 6186, denn es war sich ganz sicher, dass diese Voraussetzung bereits erfüllt war.

 

„Woher weißt du denn, dass es so ist?“, hakte der Mond nun nach.

 

„Ich habe es in ihren Augen erkannt“, flüsterte es glücklich.

 

Der Mond nickte zufrieden. „Das hast du sehr richtig erkannt. Dann bleibt nur noch eine letzte Voraussetzung.“

 

„Und welche wäre das?“

 

„Die dritte und letzte Voraussetzung, die erfüllt sein muss, mein liebes Sternchen, ist, dass genau dieses Paar sich auch tatsächlich dich in sein Leben wünscht.“

 

„Oh“, erschrak es. „Aber woher soll ich das wissen?“

 

„Du wirst es wissen, wenn es soweit ist. Ab jetzt musst du Vertrauen haben. Mehr kannst du nicht tun.“

 

 

 

Am Anfang war es gar nicht so schwer, Vertrauen zu haben, denn das Sternchen wusste und fühlte einfach, dass es zu seinen Lieblingsmenschen gehörte. Doch je mehr Zeit verging und nichts passierte, desto schwieriger wurde es, die Zuversicht aufrecht zu erhalten. Dem Mond entging dies natürlich nicht.

 

„Ja, so ist das mit dem Vertrauen“, sprach er. „Wer wirklich vertrauen will, der braucht Geduld und einen anderen Fokus.“

 

„Was meinst du mit einem anderen Fokus?“

 

„Das ist ganz einfach. Wenn du wirklich daran glaubst, dass du zu diesen beiden Menschen gehörst und zu ihnen kommst, dann beschäftige dich so lange mit etwas anderem, bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Dann geht es am Schnellsten.“

 

„Aber womit soll ich mich denn beschäftigen?“

 

„Na, mit Dingen, die dir Freude bereiten und die du später auf der Erde gut gebrauchen kannst“, lachte der Mond vergnüglich.

 

Das kleine Sternchen verstand zwar nicht, wozu das gut sein sollte, doch suchte es sich tatsächlich einige Beschäftigungen, auf die es von nun an seinen Fokus richtete. So erforschte es beispielsweise alles, was ihm für sein Erdendasein wichtig erschien und fand sichtlich Spaß daran.

 

Und auch, wenn es ihm trotz des neuen Fokus so manches Mal schwer fiel, die Geduld zu behalten, so gab es sich alle nur erdenkliche Mühe, denn es wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich bei seinen Lieblingsmenschen zu sein.

 

 

 

Als es die Hoffnung schon fast komplett aufgegeben hatte, passierte es eines Tages. Es war eine kühle Nacht gegen Ende des Winters, als der Mond sich an die Seite des kleinen Sternchens gesellte.

 

„Mein liebes Sternchen Nummer 6186, nun ist es endlich soweit.“

 

Das Herz des Sternchens schlug bei diesen Worten augenblicklich schneller und es strahlte, als wollte es der Sonne Konkurrenz machen. „Wirklich?“, fragte es ganz ehrfürchtig.

 

„Ja, wirklich. Du darfst jetzt zu deinen beiden Lieblingsmenschen reisen, denn sie haben sich nach langer Zeit dazu entschieden, dich in ihrem Leben willkommen zu heißen. Bist du bereit?“

 

Vor lauter Freude konnte es nur noch Nicken.

 

„Gut, dann wünsche ich dir jetzt eine gute Reise.“

 

Mit diesen Worten gab er dem kleinen Sternchen mit der Nummer 6186 einen Kuss auf jede einzelne Zacke und vergoss eine winzig kleine Träne, die das Sternchen zu feinstem Sternenstaub zusammenfallen ließ. „Mach`s gut“, flüsterte er noch, doch das Sternchen konnte ihn bereits nicht mehr hören, denn für eine ganze Weile war es so, als würde es gar nicht mehr existieren.

 

 

 

Als es wieder zu sich kam, erschrak es zutiefst, denn alles um es herum war ihm gänzlich unbekannt. Zudem war es so hell, dass es reflexartig seine Augen schließen musste, weil ihm diese Helligkeit eine panische Angst bereitete. So etwas hatte das kleine Sternchen noch niemals erlebt, denn es kannte bisher nur seinen gewohnten Nachthimmel. Dann hörte es furchtbare Geräusche, ein Schreien. Ein Schreien, das durch Mark und Bein ging. Und das Schlimmste daran war, dass es erkannte, dass es selbst es war, das so schrie. Vorsichtig öffnete es noch einmal seine Augen. Es sah zu seinen Zacken, doch die waren allesamt verschwunden. Stattdessen hingen da nun Arme und Beine an ihm. Es war nun ganz offensichtlich kein Sternchen mehr, sondern war auf magische Weise in ein kleines Menschenkind, ein Baby verwandelt worden. Hatte es sich das tatsächlich gewünscht?! Nein, so ganz bestimmt nicht! Es war hell, es war kalt und es war fremd. Das ehemalige kleine Sternchen Nummer 6186 war plötzlich voller Angst und wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder zurück an seinen Nachthimmel zu kommen.

 

Aber dann geschah das Wunder, das es sich so oft ausgemalt hatte während der vielen letzten Jahre. Es erblickte seine beiden Lieblingsmenschen und sah direkt in deren Augen, die fast so hell leuchteten wie die Sterne, die es sonst umringt hatten. In diesem Moment wurde es ganz ruhig in seinem kleinen Herzen. Es fühlte die warmen Arme der Frau und des Mannes um sich herum und  empfand es als das Schönste, was ihm jemals hätte passieren können. Endlich gehörte es wirklich und wahrhaftig zu genau diesem Paar, in das es sich bereits vor so langer Zeit unsterblich verliebt hatte. Als es dann noch die Stimmen seiner Lieblingsmenschen hörte, war das Glück perfekt, denn es klang wie Musik in seinen Ohren. Voller lieber Worte hatten sie es willkommen geheißen und ihm sogar einen Namen gegeben. Von diesem Tag an war aus dem Sternchen Nummer 6186 ein kleiner Junge namens Ben geworden. Und seither strahlt Ben immerzu mit den Sternen am Himmel um die Wette.

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Brigitte (Dienstag, 20 November 2018 19:32)

    Eine süße Idee !