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Elisas Geburtstags-Wunder

Nadine Bogner - Elisas Geburtstags-Wunder
Nadine Bogner - Elisas Geburtstags-Wunder

 

 

 

Manchmal ist es ein kleiner unscheinbarer Moment im Alltag, der das Leben durch ein unverhofftes Ereignis, manch einer würde es auch Wunder nennen, zu einem Fest macht.

 

Diese Erfahrung hatte zumindest Elisa an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag gemacht.

 

 

 

Der Regen prasselte an diesem Morgen  laut und unaufhörlich an ihr Schlafzimmerfenster. Naja, eigentlich waren es auch gleichzeitig ihr Wohnzimmer und ihre Küche, denn Elisa hatte nur eine Einzimmerwohnung mit einem kleinen separaten Bad und einem winzigen Balkon mit Blick auf den Florenzer Bahnhof Santa Maria Novella. Hier war es stets laut und hektisch, denn außer der Züge, die ständig ein- und aus fuhren, herrschte auch zu jeder Tages- und Nachtzeit ein großes Verkehrsaufkommen und Menschengetümmel. Auf dem Balkon konnte Elisa also quasi nur entspannt sitzen, wenn sie sich ihre Kopfhörer aufsetzte und die Musik so laut drehte, dass sie den Großstadtlärm damit ausblenden konnte. Es war sicherlich kein Palast in dem sie derzeit lebte, doch Elisa genügte dies, auch, wenn ihre Kommilitonen wenn sie einmal zum Lernen vorbei kamen, oftmals mit dem Kopf schüttelten und meinten, sie würde hier in einem dreckigen Mauseloch wohnen. Ihr waren diese Kommentare gleichgültig, denn hätten sich ihre Mitstudierenden auch nur annähernd vorstellen können, wie sie zuvor gelebt hatte, hätten sie sie sicherlich besser verstanden. Doch da Elisa so gut wie nie etwas über ihre Familie erzählte, konnten sie schließlich auch nicht wissen, was für ein Luxus vierzig Quadratmeter für sie ganz allein waren. Und da war es auch erst einmal unerheblich, in was für einer Gegend sich diese vierzig Quadratmeter befanden. Hauptsache, sie war unabhängig und hatte etwas, das ausschließlich ihr allein gehörte.

 

 

 

Ihr Wecker klingelte um punkt acht Uhr und Carlos, ihr zugelaufener dicker Kater sprang wie auf Kommando zu Elisa aufs Bett und schmiegte sich schnurrend in ihre Arme.

 

„Du willst mir bestimmt zu meinem Geburtstag gratulieren“, lächelte sie den grau getigerten Vierbeiner an und streichelte ihm sanft über das glatte Fell. „Weißt du“, sprach sie weiter, „früher hat nie jemand an meinen Geburtstag gedacht.“ Ihre Stimme klang leise und ein bedrücktes Seufzen war zu hören. „Mama und Papa hatten es einfach immer vergessen. Naja, bei elf Kindern war das vielleicht auch kein Wunder.“

 

 

 

Elisa hatte tatsächlich noch zehn jüngere Geschwister, mit denen sie noch bis vor einem halben Jahr zusammen mit ihren Eltern in einem kleinen Dorf in der Nähe von Florenz gelebt hatte. Die Familie hatte nur sehr wenig Geld und wohnte auf so engem Raum, dass Elisa sich mit sechs ihrer Brüder und Schwestern ein winzig kleines Zimmer teilen musste. Ihre Eltern hatten nie Zeit für sie und die restlichen Kinder gehabt, denn zu sehr waren sie damit beschäftigt, weiteren Nachwuchs in die Welt zu setzen. Die Kinder, die bereits da waren, zählten ganz offensichtlich nicht. Elisa musste sich nach der Schule, sobald sie nach Hause kam, immer um die kleineren Geschwister kümmern, während ihre Eltern meist vor dem Fernseher hingen und sich mit billigem Rotwein betranken und anschließend unverhohlen wie die wilden Tiere übereinander herfielen. Ihre Hausaufgaben erledigte sie dann stets in der Nacht, wenn alle schliefen, denn sie wollte unbedingt einmal ein Studium zur Architektin absolvieren. Elisa war klar, dass sie von ihren Eltern dabei keinerlei Unterstützung erwarten konnte und so suchte sie sich bereits mit vierzehn Jahren diverse Nebenjobs, um ein wenig Geld für ein solches Studium und ein Zimmer in einem Wohnheim bezahlen zu können. Wäre alles nach Plan verlaufen, hätte Elisa bereits mit achtzehn Jahren das Haus ihrer Eltern verlassen, doch ihr Erspartes reichte zu diesem Zeitpunkt noch nicht aus und so musste sie weitere zweieinhalb Jahre aushalten bis sie endlich ihren Studienplatz bezahlen konnte und eine kleine Wohnung gefunden hatte.

 

Ihre Eltern hatten sie bisher nicht ein einziges Mal besucht und sie war sich sicher, dass sie dies auch in Zukunft nicht tun würden, denn sie waren zu beschäftigt mit sich alleine und gaben sich lieber ihrem Elend hin, als etwas Sinnvolles aus ihren Leben zu machen. Aber vielleicht würden zumindest ihre Geschwister sie dann und wann einmal besuchen kommen.

 

 

 

„Miau“, schnurrte Carlos in ihre Gedanken hinein.

 

„Oh ja, du hast Hunger. Komm, wir frühstücken etwas und dann habe ich etwas ganz besonderes vor.“ Bei diesem Gedanken strahlte Elisa über das ganze Gesicht,

 

hüpfte beschwingt aus dem Bett und versorgte den Kater zunächst mit einer Dose Katzenfutter, bevor sie sich einen Kaffee aufbrühte.

 

„Soll ich dir verraten was ich vorhabe?!“, flötete sie Carlos ins Ohr, während dieser gierig über seinem Napf hing und nur Aufmerksamkeit für sein Futter hatte. „Ich werde mir gleich ein Geburtstagsgeschenk machen. Darauf habe ich schon lange Zeit gespart und heute ist der passende Tag, um mir das Gewünschte zu kaufen.“

 

Plötzlich überkam Elisa eine kleine Art Melancholie, denn sie dachte an andere Familien, wie sie Geburtstage feierten oder auch Weihnachten, Ostern oder sonst irgendwelche Feste. All das kannte sie nur aus Erzählungen. Sie wusste, dass es bei den meisten Menschen normal war, dass sie sich zum Geburtstag gratulierten und auch Geschenke bekamen, einfach, weil man sich an diesem Tag mit den Geburtstagskindern darüber freute, dass es sie gab. Elisa hatte das so nie erfahren. Aber heute freute sie sich einfach darauf dass sie sich selbst ein Geschenk machen, und sich darüber freuen konnte, dass es sie gab. Natürlich hätte sie diesen Tag gerne mit einem Menschen geteilt, der ihr nahe stand, aber da gab es einfach niemanden. Freunde hatte sie nie wirklich gehabt, denn sie musste ja stets für ihre jüngeren Geschwister da sein und niemals wäre sie auf die Idee gekommen, eine Klassenkameradin oder einen Klassenkameraden zu sich nach Hause einzuladen, weil sie nicht wollte, dass jemand sah, wie sie lebte.

 

 

 

Gegen zehn Uhr verließ Elisa ihre kleine Einzimmerwohnung und schlenderte langsam durch den Regen in die Innenstadt von Florenz, wo sie in einen kleinen, gemütlichen Bücherladen einkehrte. Da dieser in einer eher abgelegenen Gasse lag, waren kaum Kunden dort und Elisa konnte in Ruhe noch ein wenig stöbern, ehe sie zielgerichtet auf die Regalreihe mit den architektonischen Büchern zusteuerte. Sie wusste genau, wo sich das Buch ihrer Begierde befand und freute sich innerlich wie ein kleines Kind, das an einem heißen Sommertag ein riesiges Eis mit bunten Streuseln bekam.

 

„Entschuldigen Sie“, hörte sie eine junge Frau, die in etwa in ihrem Alter war, hinter sich. „Kann ich Ihnen helfen?“

 

Elisas Herz schlug nun ein wenig schneller, weil sie sich so darüber freute, hier und jetzt diesen besonderen Kauf für sich zu tätigen. Sie nickte und zeigte auf ein dickes, in Leder eingebundenes Buch und sagte: „Ich möchte das hier gerne kaufen.“

 

„Gerne“ erwiderte die junge Frau, nahm das Buch, das über diverse Baustile der Antike handelte, aus dem Regal und strich bedächtig über den dunkelbraunen Ledereinband. „Das ist eine wundervolle Wahl“, sagte sie und strahlte Elisa dabei an. „Mein Vater ist Architekt und hat dieses Werk in seinem Bücherregal stehen. Schon als Kind habe ich immer wieder gerne darin herum geblättert. Es ist wirklich sehr faszinierend.“ Während sie dies erzählte, ging sie mit dem Buch zur Kasse und Elisa, die nebenbei bereits ihre Geldbörse aus der Handtasche zog, folgte ihr. „Es ist nicht ganz günstig“, sagte die Verkäuferin, als sie es auf den Tresen legte, „aber jeder Cent lohnt sich wirklich.“ Sie gab den Titel in die Kasse ein und wartete darauf, dass der Preis von 238€ erscheinen würde. Doch stattdessen zeigte die Angabe 0€ an.

 

„Ach“, scherzte Elisa, „das ist ja lustig. Wenn es tatsächlich nichts kostet, nehme ich es selbstverständlich besonders gern.“ Natürlich hatte sie dies nur im Scherz gesagt, doch die Verkäuferin lächelte ihr vielsagend zu. „Sie haben heute wirklich Glück, meine Liebe“, sagte sie und öffnete die erste Seite des Buches, auf der sich ein kleiner gelber Notizzettel befand, den sie Elisa in die Hand drückte. „Hier, lesen Sie.“

 

Elisa wusste zwar nicht wirklich, was das hier gerade sollte, aber sie las laut vor, was auf dem Zettel stand: >Dies ist ein Geschenk NUR für Sie! Wenn ich Ihnen damit eine Freude machen konnte, seien Sie doch auch so nett und beglücken einen anderen Menschen ebenfalls auf eine besondere Art und Weise. Ich wünsche Ihnen einen wundervollen Tag. <

 

„Ist das ein Scherz?“ fragte Elisa nun die junge Verkäuferin hinter dem Tresen.

 

„Nein, ganz und gar nicht“, antwortete diese und lächelte sie weiterhin freundlich an. „Es geschieht manchmal, dass ein Kunde sich eines unserer Bücher aussucht, bezahlt und damit einem anderen Menschen eine Freude machen möchte. Einfach so.“

 

Elisa standen plötzlich die Tränen in den Augen, denn für sie war das gerade wie ein großes Wunder. „Wissen Sie“, sagte sie nun, „ich habe heute Geburtstag und weil ich noch nie ein Geschenk an diesem Tag bekommen habe, wollte ich mir heute selbst damit eine Freude bereiten.“

 

„Wirklich?“ Nun wurden auch die Augen der Verkäuferin feucht denn ganz offensichtlich berührte sie diese Situation gerade ebenfalls zutiefst. „Nun, ich sage immer, es gibt keinen Zufall und Sie sind gerade das beste Beispiel dafür. Ich freue mich von ganzem Herzen für Sie, dass Sie sich Ihr Geburtstagsgeschenk nicht selber kaufen mussten.“ Aus ihrer Rocktasche holte sie ein verknülltes Taschentuch hervor und schnäuzte sich damit ihre kleine Stupsnase, auf der sich ein paar zarte Sommersprossen befanden. „Und wissen Sie was?!“, strahlte sie Elisa nun an. „Wenn ich darf, möchte ich Sie heute Abend gerne zum Essen einladen. Ich finde, diesen Tag und dieses Ereignis müssen wir unbedingt zusammen feiern. Übrigens heiße ich Mona.“

 

„Das ist eine ganz wundervolle Idee“, strahlte Elisa nun ebenfalls über das ganze Gesicht. „Ich bin Elisa.“

 

 

 

Und so saßen die beiden jungen Frauen am Abend gemeinsam in einem hübschen kleinen Restaurant, genossen toskanische Köstlichkeiten und einen guten Rotwein dazu.

 

So hatte Elisa an diesem Tag nicht nur ein kostbares Buch geschenkt bekommen, welches sie schon seit langer Zeit haben wollte, sondern sie hatte auch noch eine nette junge Frau kennengelernt, die vielleicht ihre erste richtige Freundin werden konnte.

 

„Morgen komme ich noch einmal zu dir in den Buchladen und suche etwas Schönes aus, womit ich auch einem anderen Menschen eine Freude machen kann.“ Kurz hielt sie inne und nippte an ihrem Rotwein. „Du, sag mal, kennst du den Kunden, der öfter einmal etwas für andere Menschen bei euch kauft?“

 

„Nein, nicht wirklich. Es gibt bereits mehrere Kunden, die sich an dieser Aktion beteiligen. Ich habe keine Ahnung, wer sie ins Rollen gebracht hat, aber ich finde es wundervoll.“

 

„Ja, das finde ich auch. Ich habe mich heute riesig gefreut.“

 

„Das war aber auch wirklich ein ziemlich großes Geschenk“, zwinkerte Mona ihr nun zu.

 

„Das stimmt“, nickte Elisa. „Aber ich hätte mich genauso gefreut, wenn es eine Aufmerksamkeit im Wert von 2€ gewesen wäre, denn alleine die Geste hat mich berührt.“ Daraufhin hielt sie ihr Rotweinglas in die Höhe und prostete Mona damit zu. „Stoßen wir auf mein Geburtstags-Wunder an. Prost.“

 

„Sehr gerne! Prost.“

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Brigitte (Freitag, 26 Oktober 2018 16:47)

    Ich werde immer mehr ein Fan Deiner Kurzgeschichten !��