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Was würde für Dich Glück bedeuten?

Nadine Bogner - Kurzgeschichte: Was würde für Dich Glück bedeuten?
Nadine Bogner - Kurzgeschichte: Was würde für Dich Glück bedeuten?

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Guten Tag. Was darf es denn sein?“ Freundlich lächelte ich den Gast an Tisch 10 an und hielt für einen kurzen Moment die Luft an. „Henri?!“ fragte ich erstaunt und starrte ihn ungläubig an. Der ältere Herr sah mich an und war sichtlich amüsiert, mich so fassungslos zu sehen.

 

„Da staunst du, was!“ lachte er herzlich, wobei mir tadellos weiße Zähne  entgegen blitzten. Mit gespielt geschwollener Brust fuhr er mit der rechten Hand über sein ordentliches, weißes Poloshirt mit aufgedrucktem, blauem Anker. „Ganz ohne Löcher.“

   

*******

 

 Es war an einem kalten Abend im März 2017, als Henri das erste Mal in meine kleine Café-Bar kam und sich an Tisch 10 setzte. Schon als ich ihn hereinkommen sah, war ich mir nicht sicher, ob einige der bereits anwesenden Gäste nicht auf der Stelle mein Lokal wieder verlassen würden. Denn Henri war so zerlumpt, dass die Leute augenblicklich angewidert von ihren Tellern aufsahen und verständnislos mit dem Kopf schüttelten. Natürlich begannen sie auch direkt zu tuscheln, denn das tun die Leute immer gern, wenn etwas nicht ihrem feinen Gesellschaftsbild entspricht.

 

„Hey, siehst du den Penner da?“ hörte ich eine junge Frau zu ihrer Begleiterin sagen. „Wie kann der es wagen, hierher zu kommen?“

 

An einem anderen Tisch verdrehte ein älterer Mann missbilligend seine Augen und schob demonstrativ seinen Teller beiseite.

 

Ähnlich verhielt es sich auch bei vielen weiteren Gästen, die nur noch damit beschäftigt waren, den älteren Mann eindringlich anzustarren. Ich sah, dass dieser all die Kommentare, Mimiken und Gesten wohl bemerkte, doch ignorierte er sie müde lächelnd und steuerte geradewegs auf Tisch 10 zu, wo er mit einem leichten Stöhnen Platz nahm. Seinen Mantel, der bald vollständig aus Löchern bestand, behielt er an und ließ seine Hände langsam an die Heizung neben sich wandern. Ebenso wie sein Mantel bestanden auch seine Hose und die viel zu dünnen Schuhe aus einigem Lochwerk. In meinem Herzen zog sich augenblicklich alles zusammen, denn niemals zuvor hatte ich es so hautnah miterlebt, wie grausam Menschen sein können, wenn sie in ihrer heilen Welt mit einem Bild der Armut konfrontiert wurden.

 

Ich ging auf Tisch 10 zu, um die Bestellung des Mannes aufzunehmen. „Guten Tag. Was darf es denn sein?“

 

Er hatte seinen Blick auf die Tischplatte gerichtet und sagte mit leiser, dunkler Stimme: „Darf ich mich einfach nur ein bisschen aufwärmen?“

 

Ich hatte schon geahnt, dass er kein Geld dabei haben würde, doch konnte ich ihn nicht einfach so ohne Bewirtung dort sitzen lassen. Das hätte ich mit meinem Gewissen keinesfalls vereinbaren können, denn ich sah ihm an, wie hungrig er war. „Natürlich“, sagte ich. „Sie dürfen hier sitzen und ich bringe Ihnen etwas Leckeres zu essen.“

 

Nun sah er mich mit seinen grauen, traurigen Augen an. „Aber ich kann das nicht zahlen.“

 

„Das geht schon in Ordnung.“

 

Er nickte nur müde und sah weiter auf die Tischplatte, als gäbe es dort etwas ganz Außergewöhnliches zu Sehen.

 

Der Mann, der noch vor wenigen Momenten auffällig seine Augen verdreht hatte, hielt mich am Ärmel fest, als ich an ihm vorbeiging. „Sie wollen den doch nicht etwa hier bleiben lassen?!“ Dabei zeigte er unverhohlen auf Henri. Ich spürte, wie Wut in mir hochstieg und ich einmal tief durchatmen musste, ehe ich ihm antworten konnte. „Ich wüsste nicht, weshalb der Mann mein Lokal verlassen sollte. Hier ist erst mal jeder willkommen.“

 

„Na, wenn man es sich leisten kann, Penner zu bedienen.“

 

„Ich bediene Menschen. Dabei frage ich nicht nach Wohlstand oder Status.“, erwiderte ich in einem ganz ruhigen Ton, der nicht ansatzweise zu meiner inneren Aufruhr passte.

 

„Ja, das scheint mir auch so.“ Er schüttelte mit dem Kopf und sah erst mich und anschließend die Gäste an den anderen Tischen an, die unsere Unterhaltung gespannt verfolgten.

 

„Vielleicht ist es besser, wenn Sie jetzt gehen“, sagte ich.

 

Mit ärgerlich funkelnden Augen fixierte er mich, zog dann aber kommentarlos seine Geldbörse aus der Hosentasche und bezahlte murrend. Anschließend nahm er seine Jacke unter den Arm und verließ leise fluchend mein Lokal. Die anderen Gäste hatten ihre Blicke noch immer auf mich gerichtet. „Möchte sonst noch jemand zahlen?“ fragte ich, doch nun senkten die Leute alle ihre Blicke und widmeten sich wieder ihren eigenen Angelegenheiten.

 

 

 

„Guten Appetit“, wünschte ich dem älteren Mann in den löcherigen Sachen und stellte ihm einen Teller mit einer großen Portion Lasagne al forno  vor die Nase.

 

„Aber ich kann es doch nicht bezahlen“, sagte er noch einmal unsicher.

 

„Sagen Sie mir einfach, ob es Ihnen schmeckt, das reicht mir schon.“

 

„Das schmeckt voll super“, schaltete sich nun ein kleiner Junge ein, der mit seiner Mutter am Nebentisch saß. „Musst du unbedingt probieren.“ Dabei sah er Henri aufmerksam an. „Wie heißt du überhaupt und wieso hast du so kaputte Sachen an?“

 

Der Mutter des Jungen war es furchtbar unangenehm, dass ihr Sohn so indiskrete Fragen stellte. Doch Henri lächelte, sah den Jungen an und nahm zuerst einen Bissen von der Lasagne, ehe er antwortete. „Hmm“, nickte er. „Die ist wirklich super, da hast du absolut Recht." Dabei sah er mich an und schenkte mir ein zaghaftes Lächeln, das einige Zahnlücken enthüllte. „Und nun zu deinen Fragen“, wandte er sich erneut an den Jungen. „Mein Name ist Henri und ich habe so löcherige Sachen an, weil ich alles, was ich einmal hatte, in einem Feuer verloren habe.“

 

 

 

Ja, so war es gewesen. Henri war 63 Jahre alt und hatte sein Leben lang in einer kleinen Wohnung im Hafenviertel von Skagen gewohnt. Zuerst natürlich mit seinen Eltern. Diese hatten nie Kinder gewollt und ihn das auch stets spüren lassen. Trotzdem blieb er auch über sein achtzehntes Lebensjahr hinaus dort wohnen. Auch nach dem Tod seines Vaters hatte er weiter mit seiner Mutter dort zusammen gelebt, so lange, bis auch sie vor wenigen Jahren verstarb. Eine Frau hatte Henri nie gehabt, weshalb, das wusste er selber nicht so genau. Er vermutete, dass er nicht attraktiv genug oder einfach zu introvertiert war. Manchmal, so sagte er einmal, hätte er es schon ein bisschen vermisst, jemanden an seiner Seite zu haben, doch irgendwie hatte er sich mit seinem Single-Leben arrangiert. Zumindest bis seine Mutter starb, denn nun war er vollkommen alleine. Er war so alleine, dass er zu trinken begann. Erst nur hin und wieder, doch schnell bemerkte er, dass der Alkohol ihn seinen tristen Alltag vergessen ließ und das kam ihm sehr gelegen. Nicht nur, dass er keine Frau an seiner Seite hatte, nein, er hatte auch sonst nichts, was ihm Freude bereitet hätte. Nicht einmal Freunde, geschweige denn einen besten Freund, hatte er. Jobtechnisch war er auch nicht besonders hoch hinaus gekommen. Seinen Schulabschluss hatte er mit Ach und Krach geschafft und war dann im Supermarkt an der Kasse gelandet. Das reichte zumindest, um über die Runden zu kommen. Und als dann auch noch das Haus, in dem er wohnte, durch eine Kerze am Weihnachtsbaum in Brand gesetzt wurde und er von einem Tag auf den nächsten ohne Hab und Gut dastand, war Henri vollends am Boden.

 

 

„Wieso habe ich einfach kein Glück?“ fragte er mich eines Abends, als er wieder an Tisch 10 saß und seine Lasagne al forno, die ich ihm immer gerne spendierte, verschlang. Seit seinem ersten Erscheinen damals im März 2017, kam Henri einige Wochen lang jeden Mittwoch-Abend, einfach, um ein wenig in Gesellschaft und dabei doch allein zu sitzen und seinen trüben Gedanken nachzuhängen. Manchmal war er nüchtern, wenn er kam, doch meistens war dies eher nicht der Fall. Und obwohl mir der Mittwochabend durch Henri` s Anwesenheit stets schlechtere Besucherzahlen bescherte, mochte ich diesen Mann von der ersten Begegnung an, weil ich spürte, dass er sein Herz am rechten Fleck trug.

 

 „Was würde denn Glück für dich bedeuten?“ wollte ich nun auf seine Frage hin von ihm wissen. Daraufhin sah er mich nur ratlos an und ich sah, wie stille Tränen über seine rauen Wangen liefen und er mit den Achseln zuckte.

 

Nach diesem Abend kam Henri viele Monate nicht mehr in meine kleine Café-Bar und wann immer ich einem Gast eine Lasagne al forno servierte, fragte ich mich, was wohl aus dem netten älteren Mann geworden war.

 

  

*******

 

 „Ich habe jetzt eine Antwort auf deine Frage gefunden“, sagte Henri stolz.

 

„Welche Frage?“

 

„Na, die Frage, was für mich Glück bedeuten würde. Weißt du noch? Du hast sie mir gestellt, als ich das letzte Mal bei dir war.“

 

Nun erinnerte ich mich. „Und?“ fragte ich gespannt.

 

„Menschen wie du“, strahlte er mich an.

 

Vor Rührung hatte ich einen Kloß im Hals. „Menschen wie ich?“ fragte ich unglaubwürdig.

 

„Ja.“ Er ergriff meine Hand. „Du hast mich in deinem Lokal willkommen geheißen, obwohl du dadurch Gäste verloren hast. Du hast immer ein nettes Wort für mich gehabt und mir zugehört, wenn ich sonst niemanden zum Reden hatte.“

 

Ich streichelte seine Hand in meiner und hörte weiter zu, denn er war noch nicht fertig.

 

„Und das größte Glück bedeutet für mich, endlich nicht mehr alleine zu sein.“ Dabei leuchteten seine Augen wie zwei funkelnde Sterne. „Ich wusste über sechzig Jahre lang nicht, wie schön es ist, jemanden an seiner Seite zu haben, der einen liebt.“

 

Nun musste ich schlucken, denn seine Worte gingen mir durch Mark und Bein. Henri hatte mir öfter von seiner harten Kindheit und seinem bisherigen Leben erzählt, doch konnte ich mir nicht ansatzweise vorstellen, wie schlimm es für ihn gewesen sein muss.

 

 „Erinnerst du dich an die nette Frau vom Nebentisch, die an meinem ersten Abend hier mit ihrem Sohn gesessen hat?“

 

„Ja, natürlich“, sagte ich. „Es war ihr furchtbar unangenehm, dass der Kleine dich nach deiner löcherigen Kleidung gefragt hat.“

 

„Genau, die meine ich.“ Ein wunderbar geheimnisvolles Lächeln legte sich auf seine Lippen und er sah mich glücklich an. „Sie heißt Elisabeth. Wir sind uns kurz nach meinem letzten Besuch hier bei dir in der Stadt wieder begegnet und haben bei einem gemeinsamen Kaffee bemerkt, dass wir unglaublich viel für einander empfinden. Sie ist ein ebenso warmherziger Mensch wie du und hat mich durch ihre aufrichtige Liebe langsam und behutsam in ein ganz neues Leben geführt. Deshalb war ich auch so lange Zeit mittwochs nicht mehr hier. Schließlich hatte ich eine Menge in meinem alten Leben aufzuräumen. Und das musste ich auch, denn sonst hätten wir niemals eine gemeinsame Chance gehabt. Doch ich habe es geschafft und wie du siehst, bin ich heute ein komplett neuer Mensch.“

 

„Oh, Henri!“ entfuhr es mir und vor Freude fiel ich ihm um den Hals. „Das freut mich so für dich.“

 

„Ja, und es kommt noch besser“, lachte er nun und ich schaute ihn neugierig an.

 

„Nächsten Monat heiraten wir und du und deine Familie seid herzlich eingeladen.“

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Brigitte (Donnerstag, 13 September 2018 19:34)

    mehr davon!!!